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Johnnys Juwel

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Lancia hat einige großartige Autos gebaut, aber nur ein Astura sah so aus wie dieser – und hat eine so unglaubliche Geschichte zu erzählen.

In der Geschichte fast jeden Automobilherstellers scheint es ein Modell zu geben, das zur besonderen Legende wurde. Im Fall von Lancia ist dies – trotz eines beachtlichen Erbes, das reich an Anwärtern ist – zweifellos der Astura. Auf dem 25. Pariser Automobilsalon im Oktober 1931 vorgestellt, erregte dieses Modell sofort die Aufmerksamkeit des Publikums und beflügelte dessen Fantasie.

Der Wagen erhielt seinen Namen von einem befestigten Turm auf einer kleinen Flussinsel, der auf eine mehr als 2000 Jahre alte Geschichte zurückblickt und heute als Torre Astura bekannt ist. Ein Ort, der jene Würde und Bedeutung ausstrahlt, die für ein solches Spitzenmodell angemessen erscheinen.  

Was für eine Linie – dieser Astura ist ein Einzelstück, gefertigt nach den individuellen Wünschen des ersten Besitzers Graf Giovanni von Calvenzano.

Wie für Lancia typisch, war der Astura trotz seines starken Motors kein Rennwagen. Er begann sein Dasein mit einem 2,6-Liter-Motor mit 73 PS, der ab 1934 dank einer Vergrößerung des Hubraums auf 3,0 Liter 82 PS leistete. Damit waren die Fahrzeuge zwar keine superschnellen, aber doch wendige und fähige Straßenwagen, die zu exzellenten sportlichen Leistungen in der Lage waren, sofern sie offene und leichte Karosserien hatten. 

Giovanni Lurani Cernuschi, VIII. Graf von Calvenzano, wurde 1905 in eine der reichsten Familien der Lombardei hineingeboren und entwickelte schon in jungen Jahren eine Leidenschaft für Autos. Er absolvierte ein Maschinenbaustudium in Mailand und wurde Rennfahrer. Im Jahr 1937 gehörte er zu den Gründern der Scuderia Ambrosiana, eines Mailänder Rennstalls, der bis 1954 aktiv sein sollte. 

Das spitz zulaufende Heck hat Lurani sich in einem italienischen Zeitschriftenartikel selbst zugeschrieben – genau so wollte er damals die Karosserie haben.

Mitte der 1930er-Jahre war Johnny der perfekte Kunde für einen Lancia mit Sonderkarosserie. Der Astura der Serie III mit der Fahrgestellnummer 33-5125 und der Motornummer 456 wurde im Frühsommer 1934 gebaut und an Lurani verkauft, der ihn im August 1934 mit dem Comer Kennzeichen CO 8930 auf seinen Namen zuließ. 1987 erinnerte Lurani sich in einem Artikel über eine Veranstaltung des »Reale Automobile Club d’Italia« im Juni 1934 an seine Vorliebe für den Astura. 

Insgesamt wurden 2912 Astura gebaut, darunter 1243 der Serie III, aber dieses Exemplar ist ein absolutes Unikat. Das klingt alles ganz normal, doch Johnny zog bereits Nutzen aus dem Astura, bevor dieser seine Karosserie erhielt. »Ich war begeistert von meinem neuen rollenden Fahrgestell und stattete es mit vier Schalensitzen aus, wie es für die Erprobung üblich war. Ich fuhr damit in die Schweiz, um mit meinem Maserati das Klausenpass-Rennen zu fahren, und nach Pescara, wo ich mit meinem Achtzylinder-Bugatti beim 24-Stunden-Rennen antrat – beide Wettbewerbe konnte ich gewinnen.« 

Der hoch aufragende Kühlergrill in der Form eines Wappens war für alle Lancia damals sehr typisch.

»Im April 1935 verkaufte ich alle meine Autos, da ich mich als Freiwilliger zur Armee gemeldet hatte, um im Krieg in Ostafrika zu kämpfen«, so Lurani weiter. »Der Astura landete bei meinem Freund Gildo Strazza, für 31.000 italienische Lire. Kurz darauf ging Strazza in Konkurs und floh nach Afrika, ohne mir das Auto zu bezahlen. Ich habe meinen Astura praktisch verschenkt; es wäre klüger gewesen, ihn zu behalten!« 

Von da an behielt Lurani »seinen« Astura im Auge und 1985 schrieb er an den aktuellen Besitzer. »Das Hellgrau von Mercedes, das Sie ausgesucht haben, ist absolut perfekt. Ich glaube, es ist fast identisch mit der Originalfarbe. Ich weiß nicht, was ich über die hintere Nummernschildbeleuchtung sagen soll, da ich die Originalfotos des Wagens nicht finden kann. Vielleicht hat die Carrozzeria Pininfarina etwas; sie hat alles geerbt, was Stabilimenti Farina hinterlassen hat, und Sie könnten sich in meinem Namen über meinen lieben Freund Sergio Pininfarina an sie wenden …« 

Text Massimo Delbò  // Fotos Max Serra  // Bearbeitung Christel Flexney

Lesen Sie in OCTANE #56 die ganze faszinierende Geschichte dieses Astura.

OCTANE #54

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