Borgward P100 im Seitenprofil
Klassiker

Der Borgward P100 und seine versteckten Geldgräber

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Text Nicolaus C.Koretzky // Fotos Richleske, Archiv Peter Kurze

WELTWEIT EXISTIEREN HEUTE NUR NOCH FÜNFZIG DER ORIGINAL MEIST ALS »2,3 LITER« VORGESTELLTEN BORGWARDS. EIN GUT ERHALTENES EXEMPLAR BEREITET AUCH HEUTE NOCH EXTREM VIEL FREUDE BEIM FAHREN. SIE SPIELEN MIT DEM GEDANKEN, SICH SOLCH EIN BEGEHRTES GEFÄHRT ANZUSCHAFFEN? VOILÀ, ES FOLGT EINE KAUFBERATUNG DES BORGWARD P100 2,3 LITER.

Er war dazu konzipiert und hatte das Zeug, Deutschlands automobile Oberklasse so richtig aufzumischen, doch Monate nach der Vorstellung des P100 machte Borgwards Pleite dem möglichen Erfolg einen Strich durch die Rechnung. In Mexiko wurden noch bis 1970 weitere Modelle hergestellt, dann war endgültig Feierabend. Ein trauriges Ende für ein Auto, das in seinem kurzen Leben das Traumauto für viele der Leute darstellt, die später einen NSU Ro 80 oder einen BMW 2800 kaufen werden.

Der Marktpreis für ein sehr gutes Exemplar liegt trotz der niedrigen Zahl an Exemplaren, die es noch gibt, bei nur 25.000 bis 30.000 Euro. Mit der genial einfachen Luftfederung liegt er trotz Riesenlenkrad auch in Kurven sehr gut. »Wie bei einem Sportwagen verbessert sich die Federung, je schneller man fährt«, konstatiert damals ein begeisterter Tester. Noch heute ist der P100 ein Exot mit zuverlässigem 100-PS-Sechszylinder, viel Platz und guter Straßenlage.

Borgward P100 parkend
Die 50 Borgward P100, die es noch gibt, sind alle in Liebhaberhand.

Weshalb also ist er so günstig? Das Problem beim Halten und Genießen eines P100 lässt sich mit einem Wort auf den Punkt bringen: Ersatzteile. Abgesehen von ein paar nachgefertigten Verschleißteilen sind Neuteile rar, alles andere ist für Geld und gute Worte kaum noch zu haben. In den Borgward-Clubs wird eher getauscht als verkauft. Zunächst sollte sich der an einem P100 Interessierte an die Borgward-Clubs wenden.

Dort weiß man am ehesten, wo ein gutes Fahrzeug zu haben ist und worauf zu achten ist. Stellen, die man einer genauen Inspektion unterziehen sollte sind die Schweller-Ecken, die hinteren Radläufe und Endspitzen sowie die zwischen Schwellern und Kardantunnel verlaufende hintere Quertraverse am Unterboden. Frühe Modelle neigen darüber hinaus zur Blasenbildung im Frontbereich der Motorhaube, wo zwei eng beieinander liegende Bleche die Kontaktkorrosion fördern.

SCHNÄPPCHEN GIBT ES KEINE – VON GÜNSTIGEN RESTAURIERUNGSOBJEKTEN IST ABZURATEN, DA ERSATZTEILE SO RICHTIG INS GELD GEHEN

Wesentlich schwieriger wird es im Fall fehlender Karosserieteile oder Teile der Innenausstattung. Selbst gebrauchter Ersatz ist nur schwer aufzutreiben und muss entsprechend teuer bezahlt werden. Über Motor und Getriebe muss man sich wenig Sorgen machen, beides hält – bei angemessener Pflege und Behandlung – locker 200.000 Kilometer. Aber: Müssen die Luftfederbälge oder die Regelventile erneuert werden, sind Geduld und Verhandlungsgeschick vonnöten.

Viele Teile gibt es nur auf Tauschbasis, deshalb ist die Mitgliedschaft in einem Borgward-Club fast ein Muss. Der P100 wies für Borgward-Verhältnisse erstaunlich wenige Kinderkrankheiten auf. Praktisch alle P100 wurden mit der für einen Aufpreis von 800 DM angebotenen Luftfederung ausgeliefert, dennoch sollte man darauf achten, ob das für einen Kauf in Frage kommende Fahrzeug eine Luft- oder Stahlfederung besitzt.

Wer einen P100 sucht, sollte daher in erster Linie auf den Zustand des Fahrzeugs achten. Denn während ein sehr guter für 25.000 bis 30.000 Euro im Rahmen des Möglichen ist – und Autos schon für den dreifachen Preis verkauft wurden – ist ein Restaurationsobjekt für um die 7500 Euro eher nicht zu empfehlen. Selbst Chromteile und Stoßstangen kosten Unsummen, weswegen eine Komplettrestauration leicht einen hohen fünfstelligen Betrag verschlingt. Nur gewiefte Schrauber mit eigener Werkstatt dürften mit so einer Arbeit glücklich werden. Schnäppchen gibt es keine. Die fünfzig noch lebenden Exemplare befinden sich allesamt bereits in Liebhaberhand.

EINE KOMPLETTE RESTAURIERUNG KANN SCHNELL EINEN FÜNFSTELLIGEN BETRAG VERSCHLINGEN

Der Große Borgward ist ein großartiger Klassiker mit Alltagstauglichkeit. Dank der Luftfederung fährt er sich fast wie ein modernes Auto – kein Geschaukel, kaum Seitenneigung in Kurven. Auch der Verbrauch ist mit 12,2 l/100 km (ermittelt von der Schweizer Automobil Revue 1961 über 3000 Kilometer) für einen Sechszylinder jener Zeit durchaus moderat. Fahrspaß, Platz, Komfort: das Auto hat alles, was einen Oldtimer-Fan begeistert.

Leider hat das frühe Aus von Borgward die Karriere des P100 als Klassiker stark behindert. Zu der Zeit war das Interesse an klassischen Fahrzeugen oder solchen, die es werden könnten, gering und so starben die meisten der wenigen P100 einen frühen Tod. Einen P100 täglich zu bewegen, kann trotz seiner Zuverlässigkeit teuer werden, weil schon die Verschleißteile und erst recht die im Falle eines Schadens oder Unfalls benötigten Teile extrem schwierig aufzutreiben sind.


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