Ferrari NART Spider
Klassiker

Ein Ferrari für 20 Millionen Euro

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OCTANE#08

 

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 Text Robert Coucher// Fotos RM Auctions

SEIN LANGJÄHRIGER BESITZER, DER 2007 VERSTORBENE UNTERNEHMER EDDIE SMITH SENIOR, RÜCKTE DIESEN GANZ BESONDEREN FERRARI NART SPIDER ZU LEBZEITEN PARTOUT NICHT HERAUS. KEIN GELD DER WELT LIESS IHN SCHWACH WERDEN.

Nach seinem Tod beschloss die Famillie, für das gute Stück einen neuen Besitzer zu finden. Nach weniger als zehn Minuten fiel in Monterey, Kalifornien, der Hammer des Auktionartors bei 20.000.000 Euro, dem höchsten Preis, der bis dato – dieses Ereignis liegt nun fast zwei Jahre zurück – für einen fahrtüchtigen Straßenwagen fällig geworden war.

Und das Beste daran: Der gesamte Erlös – abgesehen von den rund 2 Millionen Euro Provision für das Auktionshaus – war für wohltätige Einrichtungen reserviert. Ganz im Sinne von Eddie Smith Senior. Nur zehn Exemplare dieses sagenhaften Ferrari NART Spider sind in den Jahren 1967 und ’68 gebaut worden. Selbst für Ferrari-Verhältnisse eine extrem exklusive Baureihe.

STEVE MCQUEEN WAR SCHARF AUF EDDIE SMITH SENIORS FERRARI, NACHDEM SEIN EIGENER VERUNFALLT WAR

Erst durch die Auktion von Monterey wurde der geheimnisvolle Ferrari als eines der kostbarsten Objekte auf dem Automarkt geoutet. »Heutzutage kauft man einen Ferrari mit dem Herzen – und dem großen Panoramablick: auf Italien, die Oper, die Formel 1, Steve McQueen und natürlich die Fahrt in den Sonnenuntergang, der sich in der blutroten Blechhaut deines Schätzchens spiegelt.

Cockpit des Ferrari NART Spider
Nur zehn Exemplare des Ferrari NART Spider wurden zwischen 1967 und 1968 gebaut.

Es geht um Romantik. Und der NART Spider ist ein wunderhübscher Sportwagen, sehr dynamisch, mit zwei Nockenwellen pro Zylinderbank. Er stammt aus der Frühzeit Ferraris, wo es nicht nur um leistungsmäßige Spitzenwerte ging. Kein Grund zu meckern. Am Ende punkten sie als Überflieger an der Autobörse«, hält Luigi Chinetti fest.

Nach etlichen unterbezahlten Jobs gründete Eddie Smith Senior aus Lexington 1952 in North Carolina eine höchst erfolgreiche Großhandelsfirma, die bis heute besteht. Sein Geschäftsgeheimnis: Ehrlichkeit, Integrität, hingebungsvolle Kundenbetreuung und vor allem das Wohlergehen seiner Mitarbeiter. Nebenbei trieb er Hilfsgelder für das städtische Krankenhaus oder die Bibliothek auf, bewahrte ein Theater vor dem Abriss und trug mit einer Spendeninitiative dazu bei, dass in seiner Heimat in den frühen 80er-Jahren ein Asyl für Opfer häuslicher Gewalt aufgebaut wurde. Neben seiner sozialen Ader hatte Smith aber auch Benzin im Blut.

AUF DEM 12-STUNDEN-RENNEN VON SEBRING LIESSEN SICH VATER UND SOHN VON DER FERRARI-MAGIE MITREISSEN

Im Frühling 1960 überzeugte ihn sein Sohn Eddie Junior, das 12-Stunden-Rennen von Sebring zu besuchen, wo sich die beiden von der Magie der Ferrari mitreißen ließen. Die Freundschaft des Seniors zu Luigi Chinetti begann mit dem Kauf seines ersten Ferrari, eines gebrauchten 250 GT SWB California Spider, der zügig einem 275 GTB/4 Berlinetta wich, den er in Modena aufgegabelt hatte, vergnügt über die Alpen chauffierte und in die Staaten verschiffen ließ. Dann kam ein Anruf von Luigi: »Ich habe mit Enzo über den Bau von ein paar Spidern gesprochen. Möchtest du einen davon?«

Ferrari NART Spider
Im Film “Thomas Crown ist nicht zu fassen” fuhr Steve McQueen einen burgunderroten Ferrari NART Spider – der Sportwagen gefiel dem Schauspieler so gut, dass er sich gleich einen eigenen zulegen wollte.

Der 275 GTB/4 mit Aluminiumhülle – eines von zwei Exemplaren mit dieser Spezifikation – war ursprünglich in sonnigem Gelb gehalten und später in ein geschmackvolles Burgunderrot umlackiert worden. In dieser Farbe tauchte er im Film »Thomas Crown ist nicht zu fassen« als fahrbarer Untersatz von Steve McQueen wieder auf.

McQueen liebte den Wagen und kaufte sich zügig seinen eigenen (Chassis-Nr. 10453). Unglücklicherweise wurde er jedoch in Los Angeles in einen Auffahrunfall verwickelt. Steve rief deshalb Eddie an, dessen Wagen sich noch in der Endmontage befand, um zu fragen. Eddies Antwort war eindeutig: »Steve, ich mag dich sehr. Aber bei aller Liebe: Meinen Wagen kriegst du nicht!«

Smiths NART wurde in Metallic-Azurblau samt werkseitig montiertem Kühlergrill geliefert. »Weil der Wagen schon im Bau war, als mein Vater ihn kaufte, musste er diese Farbe akzeptieren. Gemocht hat er sie nie sonderlich. Er ließ ihn deshalb kurz nach der Ankunft in den Staaten kastanienbraun lackieren.« Eddie unternahm mit dem Sohn ein paar Spritztouren zum Sebring Raceway in Florida, trat dem Ferrari Club of America bei, stellte den Wagen bei Edelkarossen-Meetings sowie an Renntagen aus und gewann den Titel »Best of Show« auf dem Gelände des Virginia International Raceway.

FAHRZEUG STATT STEHZEUG: OBWOHL DER NART BEREITS MILLIONEN WERT WAR, FUHR EDDIE SMITH SENIOR MIT IHM – WEIL SEIN AUTO SCHLIESSLICH ZUM FAHREN DA WAR

Auch als der Wert des Wagens zu steigen begann, unaufhörlich, und  das Auto schließlich Millionen wert war, fuhr er damit: »Es ist ein Auto. Zwar ein besonderes, aber es ist immer noch ein Auto.« Er erhielt zahllose Angebote, aber kein Geld der Welt ließ ihn je schwach werden. 2007 starb Eddie Senior im Alter von 88 Jahren. Der Ferrari wurde in einer Halle bei der Bootswerft seines Sohnes eingemottet.

Motor des Ferrari NART Spider
Der knapp 3,3 Liter große V12 leistet 300 PS bei 8000 U/min und sorgt für eine Höchstgeschwindigkeit von 250 km/h. Tempo 100 erreicht er nach 6,7 Sekunden.

»Ich hatte weder die Zeit oder die Leidenschaft, damit zu Events oder Shows zu reisen. Also entschied die Familie, dass er irgendwohin gehört, wo man sich weiterhin an ihm erfreuen kann. Es war schon hart, ihn nach 45 Jahren abzugeben, aber mein Vater hat uns stets daran erinnert, dass wir der Welt auch etwas zurückgeben müssen. Daher haben wir uns entschieden, den Erlös für diverse gute Zwecke freizugeben. Wir wissen, dass ihn das sehr gefreut hätte.«

Eddie Smiths NART Spider mit gerade einmal 43.000 Meilen auf der Uhr fand also in Modezar Lawrence Stroll einen neuen stolzen Besitzer – und eine ganze Reihe wohltätiger Organisationen freuen sich über die Größe der Familie Smith.


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