Tucker 48, Torpedo
Klassiker

Tucker 48 – Ein Autotraum wird zum Desaster

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Die Geschichte des Tucker 48 Torpedo ist wie die von Goldrausch und Dotcom-Boom. Bei der ein Abenteurer oder risikofreudiger Entrepreneur für ein großes Versprechen Millionen einsammelt und alles auf eine Karte setzt. Und das in Amerika, wo nach der Fließbandfertigung die wichtigste technische Innovation der elektrische Fensterheber war.

Das neue Versprechen war grandios, der Verkünder ein charmanter Autohändler, dem die einen alles glaubten – und den die anderen verdächtigten und bekämpften wie Schlangenöl-als-Heilmittel anpreisende Quacksalber aus Texas.

Die Geschichte von Preston Tucker und dem Tucker 48 Torpedo – im Januar 1946 angekündigter Kaufpreis: $1000 – ist Hollywood pur. Zu gut um wahr zu sein. David vs. Goliath revisited. Als Melodrama verfilmt von einem, der mehrfach steinreich und dann wieder bankrott war: Francis Ford Coppola. Romantiker und Auto-Fans lieben Tucker – the Man and his Dream, bei Arte läuft der Streifen alle paar Jahre.

#33, Tucker 48, Torpedo
Das Styling des Tucker war für die 40er-Jahre genauso radikal wie seine technische Konzeption.

Wirklich filmreif war die Vorstellung des Autos im Juni 1946 in der Fabrik von Tucker. Vielen hochgesteckten Zielen – und auch viel Gegenwind – zum Trotz stand der seit 1944 geplante Tucker 48 bei seiner Weltpremiere vor mehr als 3000 applaudierenden Menschen. Dass der Motor auch laufen würde, war Stunden vorher nicht abzusehen. Die Hinterrad-Aufhängung war kurz zuvor unter dem Gewicht des Zehnliter-Flugzeugmotors und zwei kurzfristig verbauter 24-Volt-Batterien à 80 kg zerbrochen.

Außer Pressevertretern waren vor allem Investoren angereist. 50.000 Neugierige und 1800 Händler hatten 25 Millionen Dollar in das Unternehmen eingezahlt. Und sie bekamen das volle Programm. Besichtigung des Werks, Essen in Schichten, eine Bigband spielte auf. Die Fabrik war keine Fricklerbude, sondern ganz nach dem Motto »Go big or go home«. Auf dem 1,92 km2 großen Areal (inklusive der weltweit größten Fabrikhalle, im Krieg von Dodge für den Bau von Flugmotoren genutzt) wollte Tucker zunächst 120, Monate später 1500 Autos täglich fertigen.

Der Prototyp des Tucker 48 mit Chassis-Nr. 1000 hatte den von Preston Tucker mit eisernem Willen geforderten 589-cui-Motor. Kein Tippfehler: 9652 ccm. Der Mann wollte viel Leistung und wenig Gewicht. Seine Lösung: aus Leichtmetall und mit hydraulischer Ventilsteuerung – um sich Nockenwelle, Stoßstangen und Kipphebel zu sparen. Auch verzichtete er anfangs auf Kupplung und Getriebe, Kardanwelle und Differential. Mit hydrostatischer Kraftübertragung sollte das Motordrehmoment über zwei an jedem Kurbelwellenende angebrachte Drehmomentwandler und kurze Querkardanwellen direkt auf die beiden Hinterräder übertragen werden. Sehr ambitioniert. In letzter Minute wurde das Design der vorderen Stoßstange bemängelt, weswegen schnell eine schönere aus Holz geschnitzt und lackiert (sah echt aus) und angebracht wurde.

Die Premiere war ein Knaller. Hübsche Damen posierten im Blitzlichtgewitter. Um zu demonstrieren, dass der Motor mit 800 Teilen weniger auskam als konventionelle Aggregate, wurden symbolisch Replikate aller möglichen Teile zum Bühnenrand geschmissen. Trotzdem war der Motor so schwergängig, dass selbst die zu der Zeit in Lkw gebräuchlichen 24-Volt-Batterien nicht genug Saft hatten, die riesigen Zylinder zum Laufen zu bringen. Die Lösung: externe Stromzufuhr mit 60 Volt. Der Haken: Als er endlich lief, durfte der Motor nicht mehr ausgeschaltet werden.

Der Look des Tucker 48 war etwas radikal Neues, auch so einen Motor hatten die meisten noch nie gesehen. Das Monster-Aggregat war so laut, dass Preston Tucker der für Unterhaltung sorgenden Band befahl, kräftiger auf die Pauke zu hauen. Statt Dixie sozusagen Heavy Metal! Außerdem hatte das knallrote Stil-Mobil keinen Rückwärtsgang (Hey! Warum auch? Es geht doch um Fortschritt, das Auto für morgen!). Um diese radikal revolutionäre Sensation angemessen anzupreisen, fuhr das Auto auf ein Podest, »wobei die Kühlflüssigkeit überkochte und hier und dort für Dampf sorgte«, sagte später der Sohn Preston Tuckers. »Zum Glück hielten die Gäste das für einen Teil der Show.«

 

Text Matthias Penzel // Fotos Darin Schnabel für Auctions America


OCTANE#33

 

Die ganze Story finden Sie in OCTANE Ausgabe 33

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