Ein Hot Rod startet in Pendine Sands.
Szene

Pendine Sands – bretthart gestrandet, aber mit Stil

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OCTANE#09

 

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Text Berthold Dörrich // Fotos Stefan Majoram

 

DIE „PENDINE SANDS AMATEUR HOT ROD RACES“ HABEN MAGIE, CHARME – UND EINE LOCATION VOLLER GESCHICHTE. DAS HAT DEN EVENT ZUM VERDIENTEN SIEGER DER INTERNATIONAL HISTORIC MOTORING AWARDS GEMACHT.

 

Als Rennstrecke mit Geschichte fast völlig in Vergessenheit geraten, erlebte der Strand von Pendine Sands im Süden von Wales fast ein ganzes Jahrhundert nach den letzten aufgestellten Geschwindigkeitsrekorden ein Revival – der britischen  Vintage Hot Rod Association sei Dank. Denn diese rief ihre Mitglieder mit ihren heißen Kisten im September 2013  an den temporären Racetrack, den das Meer formte und bis zur nächsten Flut bretthart zur Verfügung stellte.  Das berechenbare Ende wurde nach dem Rennen von seinen Teilnehmern aus sicherer Distanz in Form einer After-Race-Party in den Dünen gefeiert.

 

Jugendliche posieren auf einem Hot Rod in Pendine Sands.
Die Pendine Sands Hot Rod Races ziehen auch die Jugend in ihren Bann!

Sie haben es bisher noch nicht zur Speedweek auf die Salzseen von Bonneville in Utah geschafft, weil das einfach ein bisschen zu weit ist? Vielleicht auch, weil es Ihnen dort im August ein wenig zu heiß ist? Bei Ihrem letzten Trip nach Südafrika wussten Sie noch nicht, dass dort in den 20er-Jahren auf dem Salzsee der Verneupkan ein paar ungewöhnliche Weltrekorde gefahren wurden? Von der Autobahn im belgischen Jabbeke haben Sie zwar schon mal gehört (weil der Jaguar XK 120 dort seinen ersten Geschwindigkeitsweltrekord fuhr), aber wenn man heute an der Stelle vorbeifährt, ist das höchstens noch für Nostalgiker auf dem Weg nach England interessant. Ja selbst an der A5 zwischen Darmstadt und Frankfurt, wo Bernd Rosemeyer 1938 in seinem Auto-Union-Rekordwagen ums Leben kam, erinnert nur noch ein Gedenkstein und – welche Ironie – ein nach ihm benannter Rastplatz an die Weltrekordversuche.

 

Seit es das Auto gibt, hat die Jagd nach Geschwindigkeitsrekorden viele ungewöhnliche Geschichten geschrieben. Und leider immer wieder ihre Opfer gefordert, weil man die Grenzen der Physik auszuhebeln versuchte. Denn das Material war den Anforderungen nicht gewachsen, in anderen Fällen waren die Straßen schlechter als die Autos. Der Hunger nach neuen Rekorden war in den 1920er-Jahren besonders ausgeprägt. Um eine gezeitete Meile zu fahren, brauchte man allerdings mindestens fünf Meilen guten, ebenen Untergrund. Für Anlauf und Bremsmanöver.

Ein Hot Rod auf der Rennstrecke von Pendine Sands.
Die Flut geht, die Hot Rods kommen: Auf dem brettharten Strand von Pendine Sands zeigen Mensch und Maschine, was in ihnen steckt.

Die Speed-Freaks sollten bei ihren Versuchen, mit Topspeed in neue Bereiche vordringen – gegebenenfalls ins Jenseits – möglichst weit entfernt von normalen Bürgern gehalten werden. Öffentliche Straßen kamen also schon mal nicht in Frage. Neben ausgetrockneten Salzseen schienen stattdessen lange, breite Strände einige der wichtigsten Bedingungen zu erfüllen: Das bei Ebbe ablaufende Meerwasser hinterlässt brettharte, glatte Sandflächen, auf denen sich prima racen lässt. Zumindest so lange, bis das Meer wieder zurückkommt und dem wilden Treiben für ein paar Stunden den Garaus macht. Der berühmteste dieser Strände ist wohl Daytona Beach, wo die Amerikaner früher sogar ihre NASCAR-Rennen abhielten.

 

PENDINE SANDS IST DER ORT, AN DEM DER RENNFAHRER JOHN G. PARY-THOMAS 1927 BEI EINEM WELTREKORDVERSUCH UMS LEBEN GEKOMMEN IST – UND ZWAR AUF GRUSELIGE WEISE.

 

Fast völlig in Vergessenheit geraten ist dagegen der Strand von Pendine Sands im Süden von Wales. Zwischen 1924 und 1927  hatte hier Malcolm Campbell „Blue Bird“-Rekordwagen mehrere Geschwindigkeitsrekorde aufgestellt.Pendine Sands ist aber auch der Ort, an dem der Rennfahrer John G. Pary-Thomas 1927 bei einem Weltrekorversuch in seinem 27-Liter-Monster „Babs“ ums Leben gekommen ist. Und zwar auf gruselige Weise: Lange nahm man an, eine gebrochene, umherfliegende Antriebskette habe ihn bei Höchstgeschwindigkeit geköpft. Aus heutiger Sicht ist es viel wahrscheinlicher, dass es sich um einen Fahrfehler handelte und der Pilot bei den folgenden Überschlägen um Kopf und Leben kam.

 

LETZTEN ENDES GING ES VIEL MEHR UM DEN SPASS AN DER SACHE ALS UM NEUE WELTREKORDE.

 

Parry-Thomas landete auf dem Friedhof, die Reste von „Babs“ wurden pietätvoll gleich am Ort der Tragödie in den Dünen vergraben. Wenige Jahre später übernahm das britische Verteidigungsministerium die Kontrolle über das Strandstück  und ließ seine Artillerie in Vorbereitung auf die Invasion darauf Schießübungen vornehmen.Erst 1969 gelang es einigen Enthusiasten, die Genehmigung zur Exhumierung des vergrabenen Rekordwagens zu bekommen, der überraschend gut erhalten war. Trotzdem dauerte es fünfzehn Jahre bis er nach der Restauration wieder in Gang gesetzt werden konnte und danach in Goodwood mehrere Auftritte hatte.

 

Die Hotrodder machten also – zur großen Freude der auf den Dünen versammelten Zuschauer – nur das: Jeder fuhr so schnell er konnte, solage es ging – sprich: bis sich der Achtzylinder in seine Einzelteile zerlegte oder bis das Wasser zurückkam, um die Spuren des wilden Treibens auszulöschen. Kurz vor der Flut versammelten sich noch einmal alle Teilnehmer zu einem unglaublichen Korso aus offenen 4-, 6- und 8-Zylindern, der den Strand zum Beben brachte. Schnell wieder alles aufsammeln, und dann war es auch vorbei und Zeit, um von der After-Race-Party in den Dünen aus den Blick über die rollenden Wellen streifen zu lassen und die Pläne fürs Comeback 2014 zu schmieden.

BIS DAS WASSER ZURÜCKKAM, UM DIE SPUREN DES WILDEN TREIBENS AUSZULÖSCHEN.

Da der legendäre Strandabschnitt mittlerweile von Blindgängern und umherliegender Munition verseucht war, war nicht daran zu denken, hier wieder Rennveranstaltungen durchzuführen. Deshalb grenzte es fast an ein Wunder, als die britische Vintage Hot Rod Association ihre Mitglieder mit ihren heißen Kisten im September 2013 an den legendären Ort rief. Einen Tag lang wollte man in der kurzen Zeit zwischen Ebbe und Flut eine flüchtige Erinnerung an den Spirit vergangener Tage wiederbeleben.Vielleicht war es gerade das Wissen um die Flüchtigkeit des Moments, das der Veranstaltung eine ganz spezielle Intensität verlieh. Das Warten der versammelten hundert Hotrods – strictly pre-‚49 –  und der Zuschauer auf das Ablaufen des Wassers. Dann die Inspektion der freigelegten Sandfläche durch die Veranstalter. Die Entscheidung, wo gefahren werden kann.

 

ABER ZUM SPASS GEHÖRT EBEN AUCH, AUS SEINER KISTE RAUSZUHOLEN, WAS GEHT.

Dutzende von Helfern, die mit Eimern ausströmen, um den temporären Racetrack von störenden Hinterlassenschaften des Meeres zu säubern. Fähnchen im Sand markieren die Strecke. Schnell, schnell werden Lichtschranken zur Geschwindigkeitsmessung aufgestellt, schon rollen die ersten der mit ungeduldig fauchenden Motoren wartenden Hotrods an den Start. Letzten Endes ging es viel mehr um den Spaß an der Sache als um neue Weltrekorde. Aber zum Spaß gehört  – zumindest auf der Insel – eben auch, aus seiner Kiste rauszuholen, was geht. Am liebsten ohne große Regelwerke, die sich wichtige Funktionäre an grünen Tischen ausgedacht haben.


OCTANE#09

 

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