Klassiker Szene

MÉNAGE À TROIS

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Nicht nur das ungewöhnliche Sportcoupé von Citroën, auch die Werbeaufnahmen von Sarah Moon für den Verkaufsprospekt üben noch heute eine ungewöhnliche Faszination aus: Sie erzählen eine knisternde Dreiecksgeschichte.

Citroën und Werbung – das war über viele Jahre eine Verbindung, die außergewöhnliche Ideen garantierte. Schon Firmengründer André Citroën war eine Art avantgardistisches Werbegenie und wusste, wie er den Bekanntheitsgrad seiner Marke geschickt erhöhen konnte. Er ließ seinen Markennamen von einem Flugzeug mit weißem Rauch in den Pariser Himmel schreiben und in leuchtenden Lettern am Eiffelturm erstrahlen. Ich selbst erinnere mich an meine ersten Jahre in der Düsseldorfer Werbeagentur, in der die Citroën-Kampagnen für Deutschland entwickelt wurden. An Werbespots mit Grace Jones, der Königin der Coolness, die damals Deutschland mehr verstörten als von den Qualitäten eines Citroën CX zu überzeugen. Aber auch an liebevoll getextete Kampagnen, mit der die Halbwertszeit des 2CV mit viel Ironie noch einmal verlängert werden konnte. Und an meine eigenen Citroën-Kampagnen, mit denen wir dank provozierender Texte internationale Awards gewannen. Immer wieder standen Prominente in diesen Kampagnen im Mittelpunkt. Manchmal vor der Kamera – sehr viel öfter jedoch auch dahinter. Der Grund dafür war sicher auch, dass Citroën Künstlern die Möglichkeit gab, mit überraschenden und mutigen Ideen auf sich aufmerksam zu machen. Und Citroën damit halfen, das Avantgarde-Image der Marke zu etablieren. 

Hinter den innovativen Ideen stand in den 60er- und 70er-Jahren ein Mann, der sich zunächst eher als schöngeistiger Verleger von Kunstbüchern und Mitbegründer der Fotografenagentur Magnum betätigte, ehe er 1960 mit seiner Arbeit für Citroën beginnt: Robert »Bob« Delpire. Neben einem herausragenden Marken-Magazin »Le Double Chevron«, in dem er etablierten, aber auch ambitionierten neuen Fotografen wie Henri Cartier-Bresson, René Burri oder Marc Riboud eine Plattform für ihre avantgardistischen Werke bietet, konzentriert er sich darauf, den Prospekten der aktuellen Citroën-Modelle eine atemberaubend neue Qualität zu geben. 

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1969 beauftragte er Helmut Newton, der damals gerade dabei war, sich mit Modefotos für französische Fashion-Magazine einen Namen als Fotograf zu erarbeiten, einen psychedelischen Prospekt für die Citroën DS mit androgynen Models in Kleidern von Paco Rabanne zu inszenieren. Ein Motiv, das Newtons gesamtes späteres OEuvre durchziehen sollte. Und als Fotoproduktion so ungewöhnlich, dass Citroën den Prospekt nur italienischen Kunden zumuten wollte. Neuartig daran war nicht nur die avantgardistische Optik der Fotografien im Vergleich zu den im Rückblick unsagbar biederen Werken anderer Hersteller. Die Citroën-Prospekte dieser Zeit begannen damit, mit ihren Fotografien auch kleine Geschichten zu erzählen anstatt nur Autos mit ihren technischen Details zu präsentieren.

Als im Juli 1970 ein Citroën vorgestellt wurde, den viele bis dahin für unmöglich gehalten hatten, war es an der Zeit, auch dafür eine ungewöhnliche Broschüre zu gestalten: Der Citroën SM war als Kooperation zwischen Citroën und der Marke Maserati entstanden, die damals mehrheitlich im Besitz von Citroën war. Unter der von Robert Opron gezeichneten Karosserie des Sportcoupés arbeitete ein Sechszylinder-V-Motor von Maserati, der den SM zu einem der schnellsten Fahrzeuge seiner Zeit machte. Sechs Frontscheinwerfer saßen unter einer durchgehenden Glasabdeckung, natürlich besaß der Wagen die Hydropneumatik der DS, eine geschwindigkeitsabhängige Servolenkung und dynamisches Kurvenlicht. Es hätte also viel zu erzählen gegeben in dem Prospekt für den SM.

Aber Citroën wäre nun mal nicht Citroën, wenn man sich mit solch profanen technischen Themen aufgehalten hätte! Statt ins Detail zu gehen, wollte Delpire lieber eine knisternd erotische Geschichte erzählen. Die Story einer Ménage-à-trois zwischen einem Mann, einer Frau und einem SM. Eine Fahrt durch die Nacht ins unbestimmte Nirgendwo, die endet, als der SM am Haken eines Überseedampfers entschwindet. Nur eine beiläufig im Auto drapierte Michelin-Karte gibt einen Hinweis darauf, dass das Ziel der gemeinsamen Reise der Atlantik-Hafen Le Havre sein könnte. Nicht nur das Auto bleibt über viele Seiten unbestimmt, undefiniert, fast unkenntlich. Lichter, Reflexe, tiefe Schatten und Unschärfen überlagern sich in einer wilden Melange, die mehr verbirgt als enthüllt. Auch die Beziehung zwischen den Protagonisten lässt Raum für vielfältige Interpretationen. Etwa wenn die Frau auf dem Beifahrersitz durch die Seitenscheibe seltsam versonnen in vorbeihuschende Lichter schaut, sich im Rückspiegel in der regenverschleierten Frontscheibe spiegelt, oder sich, einen mächtigen afghanischen Windhund an der Leine, unter dramatischen Wolkengebilden dem herannahenden Auto nähert.

Text Berthold Dörrich  // Fotos Sarah Moon

Lesen Sie in OCTANE #50 die ganze Geschichte über den SM – und seinen rundum verbesserten Enkel SM2.

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