Mercedes-Benz 230 SL Pagode stehend
Klassiker

Das macht die Pagode fit für die Rallye

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Mercedes-Benz 230 SL Pagode


OCTANE#04

 

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 Text Christopher Schmitz // Fotos Paul Hardiman

AUF DEM SPRUNG ZU EINER AUSDAUERRALLYE? DA IST EIN MERCEDES-BENZ SCHON MAL EINE SICHERE BANK. DIE PAGODE IST SO ZÄH WIE DIE LIMOUSINEN UND DABEI FAST EIN BISSCHEN SPORTLICH

Zugegeben – ein klassischer Mercedes-Benz als ernstzunehmender Rennwagen ist, nun ja, speziell. Und dann auch noch dieser SL, der irgendwie mehr dem Geist des 190 SL entsprang und weniger dem wahrhaft sportlichen 300 SL Flügeltürer. Den es (Sakrileg!) mit Automatikgetriebe gab und in dessen Fahrzeugbrief gerne eine Zahnarztgattin notiert war. Klischees beiseite. »Unser Auto hat 2000 den Klassensieg bei der Targa Tasmania geholt und kam bei der Rallye Wien–Triest 2004 auf Gesamtrang drei«, wirft Christian Nikolai ein. »Vordere Plätze bei einigen kleineren Rallyes und dem ein oder anderen Winterevent – mit nur wenigen Änderungen ist eine Pagode bereit für harte Einsätze«, so der Leiter von Ostendorf Classic aus Hamm.

Schon werksseitig ist die Mercedes-Benz 230 SL Pagode hart im Nehmen und hat eine treue Fangemeinde unter den Teilnehmern von Ausdauerrennen. »An der Karosseriestruktur ändern wir fast nichts«, so Paul Sumner vom führenden britischen Pagodenspezialisten Roger Edwards Motors. »Die Grundstruktur ist sehr belastbar, wir verstärken nur die Aufnahmen der Dämpfer. Als Ausgangsbasis braucht man aber ein wirklich rostfreies Auto, daher stammen die meisten von uns vorbereiteten Autos aus den USA.«

Cockpit der Mercedes-Benz 230 SL Pagode
Auf diesen Sitzen lässt es sich doch länger aushalten, auch wenn es etwas holperiger wird.

Auch beim Fahrwerk muss nicht tief eingegriffen werden. Die vorderen Federn und Dämpfer werden gegen härtere Pendants getauscht, durch die komfortorientierte Abstimmung neigt das Serienauto zum spürbaren Eintauchen auf der Vorderachse. »Wir verwenden aufgelastete Federn in Verbindung mit handelsüblichen Bilstein-Dämpfern«, so Sumner. Darüber hinaus empfiehlt der Experte, auf die serienmäßigen Stahlfelgen die Reifen von Lieferwagen aufzuziehen. »Die sind robust und heben das Auto noch ein Stückchen an.« Das ist auch bitter nötig, denn der tief hängende Kühler der Mercedes-Benz 230 SL Pagode kann schnell in Mitleidenschaft gezogen werden. »Wir verbauen schlichtweg eine Platte, die vom vorderen Querträger bis hinter das Getriebe reicht.«

Laut Simon Ayris, dessen Firma Rally Preparation Services erst kürzlich einen 280 SL zur Classic Safari Challenge entsandt hat, sind die werksseitig eingesetzten SL ohne Unterfahrschutz gefahren. »Empfehlen würde ich das nicht. Auch der Benzintank sitzt bedenklich niedrig und schreit geradezu nach zusätzlichem Schutz.« Daher rät Ayris von schnell zum Reißen neigenden Aluminiumtanks ab und zu solchen aus Stahl.

Motor der Mercedes-Benz 230 SL Pagode
Strandet man in Nordafrika und benötigt Ersatzteile, ist ein Mercedes eine gute Wahl. Denn vieles lässt sich unter den Baureihen tauschen und alte Benze sind dort überall zu finden.

Darüber hinaus mahnt er Wachsamkeit gegenüber der Achsentlüftung an. Dauerhaft hoch belastet können die Dichtungen zur Antriebswelle zur Durchlässigkeit neigen. Die mechanische Benzinpumpe der Mercedes-Benz 230 SL Pagode hält Ayris für sehr zuverlässig und haltbar, eine Umrüstung auf Vergaser ergebe daher nur im Notfall Sinn. »Ein Mercedes ist immer eine gute Wahl, wenn man in Nordafrika strandet und Ersatzteile braucht. Vieles lässt sich unter den Baureihen tauschen. Und gefühlt sind alte Mercedes dort noch überall zu finden.«

NATÜRLICH GIBT ES AUCH SPIELEREIEN, DIE NUR DEM KOMFORT DIENEN. IHR EINBAU IST DAHER GESCHMACKSSACHE UND EINE FRAGE DER BEQUEMLICHKEIT

Die Wahl des Getriebes hängt alleine von persönlichen Vorlieben ab. Die meisten Rallye-Pagoden fahren mit manuellem Getriebe. Das damals optional erhältliche ZF-Fünfganggetriebe ist gesucht und teuer, zudem sind Ersatzteile rar. Alternativ lassen sich für BMW hergestellte Fünfganggetriebe von Getrag anpassen. Die Bremsen brauchen keine großen Eingriffe, meist begnügt man sich mit stabileren Bremsleitungen und hitzebeständigerer Bremsflüssigkeit.

Unabdingbar sind die üblichen Anpassungen an das Leben im harten Wettbewerbseinsatz der Mercedes-Benz 230 SL Pagode: Abschleppösen, Tripmaster, ein zusätzliches Gitter gegen das Zusetzen und Überhitzen des Kühlers, zum Einsatzzweck passende Sitze.

Gimmicks wie eine vom Beifahrersitz aus bedienbare Scheibenwaschanlage mit größerem Reservoir dienen dagegen nur dem Komfort. Auf solchen musste Eugen Böhringer wohl verzichten, als er vor fünfzig Jahren seine Mercedes-Benz 230 SL Pagode am Ende der Rallye Spa-Soa-Lüttich abstellte – siegreich nach 92 Stunden auf 5000 Kilometern besserer Feldwege. Für Langstreckenrallyes auf hiesigen Straßen, womöglich noch als Gleichmäßigkeitsprüfung ausgelegt, ist eine Pagode eine dankbare Ausgangsbasis – und mit wenigen Modifikationen bereit für das Nirgendwo überall auf der Welt.


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