Toyota AA stehend, seitlich aufgenommen
Klassiker

Und es gibt doch noch einen!

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OCTANE#05

 

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Text Martin van der Zeeuw// Fotos David de Jong

FÜR MANCHES STÜCK WÜRDE JEDER BIS ANS ENDE DER WELT REISEN – ABER FÜR EINEN TOYOTA? BIS ZUR WALACHEI UND WEITER? UNTER BESTIMMTEN UMSTÄNDEN SCHON – ZUM BEISPIEL ALS TOYOTA-IMPORTEUR UND MUSEUMS-BESITZER. DIE UNGLAUBLICHE GESCHICHTE DES EINZIGEN TOYOTA AA

Die Nachricht kam während der Mille Miglia, direkt aufs Display des Handys: »Mir ist ein alter Toyota angeboten worden. Eventuell von Interesse für dich … aber sie verlangen zu viel. Viel zu viel.« – So lautete die Quintessenz einer SMS, die Ronald Kooyman vom Webmaster einer holländischen Classic-Car-Seite erhielt. Das im Anschluss folgende Abenteuer hätte sich Kooyman, Direktor des Louwman-Museums in Den Haag, nicht einmal im Traum vorstellen können.

Die meisten Besucher des Louwman-Museums haben allenfalls eine vage Vorstellung von der Bedeutung dieses Gefährts, das in einer ihm speziell gewidmeten Ecke zu bewundern ist. Es handelt sich um einen AA, das aller-erste Serienmodell von Toyota, das zwischen 1936 und 1943 hergestellt wurde.

Cockpit des Toyota AA
Tatsächlich – so sieht ein Sensationsfund aus. Der Toyota AA hat während der vielen Jahrzehnte in Sibirien ordentlich Federn gelassen.

Bis zu diesem Zeitpunkt im Jahre 2013 war die Fachwelt davon ausgegangen, dass nicht ein einziges der 1404 produzierten Exemplare noch existiert. Selbst das japanische Toyota-Museum hat nur einen Nachbau. Doch dies hier ist ein Original! Niemand darf ihm zu nahetreten, es ist nur aus respektvoller Entfernung zu betrachten. Der Wagen offenbart trotz seines abgebrühten und sturmerprobten Äußeren eine gewisse Verletzlichkeit.

Die Karosse ist verbeult, mit Pockennarben übersät und abgewetzt. Auf ihr hat nicht das kleinste Fleckchen Lack überlebt. Die Räder passen nicht zum Rest. Der Kühlergrill lässt sich nur mit viel Phantasie und zugekniffenen Augen als solcher bezeichnen. Irgendwie berührt es einen aber auch, dass wohl einfach nichts Besseres da war, als das Original den Geist aufgab. Das Innenleben ist gleichermaßen ausgeleiert, von den aufgeschlitzten Polstern bis hin zum Armaturenbrett und seinen Instrumenten mit kyrillischen Buchstaben.

TROTZDEM VERSTRÖMT DIE KAPUTTE ALTE ROSTLAUBE EINE UNGEHEURE AURA UND SCHÖNHEIT

Der AA war für das Museum aber von besonderem Interesse. Als Toyota-Importeur wusste Evert Louwman ganz genau, dass das erste Toyota-Modell so rar war wie ein lebender Neandertaler. Zunächst verglich Ronald Kooyman die von dem Webmaster erhaltenen Fotos mit Toyota-Archivmaterial: »Das Armaturenbrett und die Türverkleidungen sind ein Merkmal, aber wirklich typisch für den Wagen sind die Teardrop-Lüftungsschlitze und das Profil der Spritzwand. Deshalb waren wir sicher, dass es sich um einen echten AA handelt. Wir haben dann mit dem vermeintlichen Besitzer telefonisch und per E-Mail Kontakt aufgenommen. Nachdem er uns weitere Fotos zugesandt hatte, ging es ans Verhandeln.«

Toyota AA stehend, von hinten aufgenommen
Der Toyota AA ist das allererste Serienmodell des Herstellers. Nicht einmal das japanische Toyota-Museum selbst verfügt über ein Original. Es muss sich mit einem Nachbau zufrieden geben.

Dann wurde Kooyman nach Moskau eingeladen, um den Wagen zu begutachten. Doch der Wagen stand in Wladiwostok. In Moskau traf Kooyman zunächst den Schweizer und jemanden vom britischen Konsulat, der ihn durch den russischen Zoll schleusen und bei den üblichen Sitten und Gebräuchen behilflich sein sollte.

»Am nächsten Tag traf ich Iwan, der sich als Mittelsmann, nicht als Besitzer entpuppte, zum ersten Mal. Anders als ich es erwartet hatte, war er ein zappeliger junger Mann, ein 25-jähriger Journalismus-Student. Zu viert flogen wir nach Wladiwostok. Unser britischer Freund hatte uns gewarnt: Moskau sei mittlerweile recht verwestlicht, aber alles jenseits davon stecke noch tief im letzten Jahrhundert.« Er sollte Recht behalten. »Wir mussten zwanzig Kilometer aus der Stadt raus, was letztlich heißt: in die Dritte Welt. Sämtliche Taxifahrer versuchten, uns übers Ohr zu hauen. Da half nur eins: Boris überzog sie mit wüsten Beschimpfungen. Die Atmosphäre war sehr angespannt, bedrohlich. Einen Moment lang dachte ich: Wenn mir hier etwas zustößt, findet mich kein Mensch.«

DER TOYOTA AA WAR NACH DEM ZWEITEN WELTKRIEG IN SIBIRIEN ZUHAUSE

Kooymans Plan bestand darin, den Toyota nicht vor Ort zu kaufen, sondern den Deal im Hotel abzuwickeln. Boris und der Schweizer würden sich um die finanzielle Transaktion und den Transport kümmern, während Kooyman mit Iwan loszog, um den Wagen anzuschauen: » Der Großvater des Besitzers hatte den Wagen nach dem Zweiten Weltkrieg erworben und auf seinem Land in Sibirien eingesetzt. Er war möglicherweise Kriegsbeute. Wir packten den AA auf einen Laster und fuhren zu diesem Amt, wo wir ihn auf Iwans Namen registrieren ließen.«

Der Toyota wurde in einen Container verfrachtet, der wiederum auf einen Zug nach Moskau – und sechs Monate später wurde der Wagen in den Niederlanden entladen. »Wir mussten noch eine Genehmigung des russischen Kulturministeriums einholen. Dort wollte man sichergehen, dass es sich nicht um ein nationales Erbstück handelte. In diesem Fall hätte der AA nicht das Land verlassen. Glücklicherweise war er als Chevrolet registriert. Und möglicherweise waren Boris und unser britischer Freund dem einen oder anderen Apparatschik bei der Entscheidungsfindung ein bisschen behilflich.«

DEN TOYOTA NACH DEN HAAG ZU BEKOMMEN STELLTE SICH ALS KNIFFLIG HERAUS

Als der Container geöffnet wurde und der neue Besitzer den AA erstmals in echt sah, sagte er kein einziges Wort. Aber das Lächeln von Evert Louwman sprach Bände. »Wir beschlossen, den Wagen nicht vor der Eröffnung des neuen Museums auszustellen. Nur einer japanischen Delegation haben wir ihn zuvor gezeigt. Der amtierende Präsident von Toyota, Akio Toyoda, war sichtlich bewegt. So etwas erlebt man nicht allzu oft.

Die Experten von Toyota haben uns später auch ganz formal bestätigt, dass es sich um einen AA handelt.« Was für ein Job, was für ein Auftrag! Ronald Kooyman dazu: »In meinen neun Jahren für das Louwman Museum war dies ganz bestimmt meine bizarrste Erfahrung. Ich war wirklich schon überall und kann von allerlei schwärmen, aber das war mit Abstand das nervenaufreibendste Abenteuer.«


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