# 37, Frank Jung, Porsche-Archiv, Interview
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Frank Jung – Leiter Porsche Archiv

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“Einfach nur Bewahren”, das wäre nicht sein Ding! Anfang 2018 übernahm Frank Jung die Leitung des Porsche Archivs, das zuvor von Dieter Landenberger als eines der profiliertesten Werksarchive etabliert wurde, und seit dem Neubau des Porsche Museums auch als eines der am besten ausgestatteten gilt. Kein Grund also, alles anders zu machen.

Trotzdem ist die neue Position für Frank Jung alles andere als ein normaler Job – sondern an vielen Stellen auch eine Begegnung mit der eigenen Familiengeschichte: der des Karosseriebauers Reutter. Reutter baute nicht nur die Prototypen von Ferdinand Porsches KdF-Wagen. Im Reutter Karosseriewerk in Zuffenhausen entstanden auch die Aufbauten für die Porsche 356. Bis das Werk am 1. Dezember 1963 als Keimzelle des heutigen Porsche Standorts an Porsche verkauft und das Unternehmen unter dem Markennamen Recaro als Sitzhersteller weitergeführt wurde. Bei aller historischen Verbundenheit versteht er seinen neuen Job aber nicht primär als Blick zurück, sondern als eine Chance, gemeinsam mit seinem Team aus der Historie heraus bei den Themen der Zukunft eigene Akzente zu setzen.

# 37, Frank Jung, Porsche-Archiv, Interview
Seit einem Jahr ist Frank Jung der Herrscher über das historische Porsche-Archiv.

OCTANE: Die ersten hundert Tage als Chef des Porsche Archivs haben Sie gerade hinter sich – was hat Sie am meisten überrascht?

Also mir war bewusst, dass es anders werden würde, als ich erwartet hatte. Und genau so ist es gekommen. Jeder Tag ist anders! Zum Glück gab’s am Anfang eine Woche Eingewöhnungszeit. Ganz einfach deshalb, weil ich am 1. Januar angefangen habe und bis zum 8. Januar praktisch keiner da war. Aber dann ging’s mit Volldampf los, weil ja auch die ganzen Themen zu 70 Jahre Porsche Sportwagen anstanden. Das stand zwar praktisch alles als Konzept. Aber die ganzen Feinheiten, welches Auto nimmt wo teil. Welche Informatio- nen haben wir dazu, das kann nicht alles fertig sein. Das ist ja immer ein dynamischer Prozess. Also in ein kälteres, tieferes Wasser hätte ich nicht fallen können!

OCTANE: Von außen betrachtet könnte man meinen: Da ist doch alles aufgearbeitet bei Porsche.

Das ist ja gerade das Spannende, dass das eben nicht der Fall ist! Es gibt tatsächlich noch Material, das bis heute noch keiner angeschaut hat! Man stellt sich so vor, dass man sich das alles so ein bisschen durchschaut. Aber wenn du das richtig machen willst, brauchst du technisches Verständnis, musst Querverweise verstehen. Meistens passiert das dann, wenn wir uns in Einzelprojekten um ganz spezielle Themen kümmern. Dann durchforsten wir, ein einzelner Journalist, oder wir zusammen das eine Thema ganz tief und da kommen dann immer noch Dinge raus, die wir bisher so noch nicht wussten.

Dann wächst das Archiv natürlich laufend – es kommen immer wieder neue »alte« Bestände dazu. Zum Beispiel aus den 60er-, 70er-Jahren – da wurden die Dinge nicht zentral gesammelt. Da findet man doch immer wieder nochmal was im Unternehmen. Oder ein ehemaliger Mitarbeiter vererbt uns seinen Bestand. Renningenieure ihre gesamten Unterlagen. Es kommt tatsächlich immer noch neues Altes dazu!

Und dann natürlich die ganzen »neuen« Sachen. Das heißt wir müssen jetzt schon schauen, dass wir Fahrzeugtypen wie den 996 oder 997 sammeln. Denn heute ist morgen ja schon gestern.

OCTANE: Hat man als Archivar den Anspruch, irgendwann mal etwas auszugraben, was vorher noch keiner gefunden hat?

Es ist natürlich immer eine besondere Freude, wenn man Sachen findet und sich sagen kann: Wow, dass passt jetzt genau! Das ist genau das Puzzle-Stück, was dir noch fehlte! Logischerwei- se argumentierst du als Archivar immer anhand der bestehenden Quellen. Manchmal hast du die Quellen aber nicht. Und dann musst du Schlüsse ziehen. Unser Wortschatz befindet sich dann im Konjunktiv, weil wir es nicht hundertprozentig wissen. Wenn wir dann eine Unterlage finden, vielleicht nur ein einzelnes Blatt, wo die gesuchte Information drauf steht, die deine Schlussfolge- rungen bestätigt, das ist dann natürlich ein ganz besonderer Moment.

Text und Fotos Berthold Dörrich

Lesen Sie die ganze Geschichte in OCTANE #37


OCTANE#37

 

Diese Story finden Sie in OCTANE Ausgabe 37

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