#21, Ferrari, 375 MM Spider, Phil Hill, Barchetta
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Ferrari 375 MM Spider – Phil Hills Renn-Barchetta

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Einst fuhr die Rennfahrer-Legende Phil Hill Rennen in diesem Ferrari Barchetta. Schon allein deshalb wurde er extrem vorsichtig konserviert – und von uns sehr behutsam gefahren.

Einen Moment lang, Zentimeter vor der Fahrertür, überfällt mich lähmende Furcht. Dann kontrolliere ich zum x-ten Mal, ob auch wirklich weder Reißverschluss-Zipper noch Kugelschreiber aus der Hüfttasche herausragen. Erst dann schlängele ich mich vorsichtig ins Cockpit. Mit einer Gürtelschnalle den Lack eines frisch restaurierten Autos zu zerkratzen, wäre ja schlimm genug, doch in diesem Fall, bei aber speziell diesem Fahrzeug wäre schon der kleinste Kratzer der absolute Horror – in etwa, als habe man bei der originalen Gutenberg-Bibel das Deckblatt herausgerissen. Allein beim Gedanken, ausgerechnet mein Fuß könnte den Gummibelag auf dem Kupplungspedal zum Zerbröckeln bringen, zieht sich mein Magen zusammen. Oder dass meine Finger Phil Hills letzten DNA-Nachweis vom Schalthebel rubbeln …

#21, Ferrari, 375 MM Spider, Phil Hill, Barchetta
Dies ist der einzige nicht restaurierte Ferrari 375 MM mit Rennsportgeschichte.

Es handelt sich hier um weit mehr als einen seltenen und bahnbrechenden Ferrari-Rennwagen. Denn dies ist der einzige nicht restaurierte 375MM mit Rennsportgeschichte, eine Motorsport-Zeitkapsel aus den 1950er-Jahren. Möglicherweise wäre er im Museum besser aufgehoben – und davor geschützt, von Minderbegabten wie mir beschädigt zu werden.

Selbst als die beruhigenden kleinen Rituale erfolgt und alle Schalter betätigt worden sind, die Benzinpumpe zu pumpen beginnt und das Gaspedal exakt halb durchgetreten ist, erfordert es meine ganze Willenskraft, wirklich den Startknopf zu drücken.

Der V12 faucht sich ins Leben, als hätte ich ihn mit einem Elektroschocker für den Viehtrieb angestachelt. Nichts von dem hohen Surren eines V12, sondern ein weitaus gewaltigeres Grollen, das sich zum rohen Bellen eines Berserkers steigert. Als hätten ihn all diese Jahrzehnte, still und schweigend weggesperrt, nur noch rüpeliger und garstiger werden lassen – weniger ein heiliger Lazarus, wiederauferstanden von den Toten, als vielmehr ein aus dem Knast ausgebrochener Psycho-Killer, der durchdreht, um sich schlägt und Kerben in seine Streitaxt schnitzt. Plötzlich mache ich mir keine Sorgen mehr um den Wagen, sondern eher darum, ob ich lebend aus dieser Nummer herauskomme.

Für einen 375er Rennwagen, unbefleckte Zeitkapsel hin oder her, ist das die richtige Einstellung. Das Auto hat einen der größten Rennmotoren, die Enzo Ferrari vor den CanAm-Autos gebaut hat. Zudem hat es diesen typischen Charakter, der Enzos Einstellung wiedergibt, dieses Desinteresse an Handling und Bedienungsfreundlichkeit (»Ich baue Mo- toren«, so sein Credo, »und schraube dann Räder dran«). Thema Scheibenbremsen? Für Enzo Ferrari nicht mehr als englisches Voodoo. Die 375 waren Kraftpakete. Direkt, elementar und nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.

Dennoch waren sie sehr effektiv. So wie bei der Vorgänger-Baureihe 340 von 1950 basiert auch der Motor des 375 auf dem von Aurelio Lampredi konstruierten Formel 1-V12 (der den Colombo-Motor ersetzte). Im 340 saß zunächst ein 4,1-Liter-Saugmotor mit 280 PS, ab 1953 verbaute Ferrari dann die Version aus der Formel 1 – 4,5-Liter mit 340 PS – auch in Zweisitzern.

So entstand der 375MM (für Mille Miglia). Üblicherweise mit geschlossener Karosserie von Pinin Farina holte der 375MM zwei der drei Siege, die Ferrari den Titel der neu eingeführten Sportwagen- WM bescherte. Die folgende Meisterschaft bestritt die Scuderia 1954 mit 375MM und 375Plus, einer 4,9-Liter-Variante mit 4 PS mehr Leistung.

 

Text Dale Drinnon Fotos Martyn Goddard

Lesen Sie die ganze Geschichte in OCTANE #21


#21, OCTANE, Porsche 911 RS 2.7, Morgan Threewheeler, Ferrari 375 MM Spider, Datsun 240Z,, Ford Capri, Banjo GT Coupé

 

Diese Story finden Sie in OCTANE Ausgabe 21

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