Klassiker

EIN TROPFEN MIT KANTEN

UNION Noramis Chronograph
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Fünfzig Jahre nach seiner Vorstellung ist der Citroën SM heute noch eine faszinierende Erscheinung. Ein Stück ungewöhnliche Technik, die gemeinhin zuverlässiger ist als ihr Ruf. Vor allem aber ein formaler Geniestreich. Designer Ulrich Scholpp öffnet seine Garage für einen fachkundigen Blick auf seinen SM in Bleu platiné.

Meine erste Begegnung mit einem Citroën SM, er war weiß, ich noch Schüler, fand Anfang der 70er-Jahre in der Südschweiz statt. Alles um mich herum eher ein wenig gemächlich, solide. Paris und die Avantgarde waren irgend- wie weit weg. Und dann fuhr sie in Form dieses Autos plötzlich in mein Leben. Faszinierend. Unvergesslich. Natürlich kannte ich die DS. War wie so viele meiner späteren Designer-Kollegen angetan von der Kombination aus revolutionärer Technik und Flaminio Bertonis avantgardistischer Formensprache. Aber was Citroën hier mit dem SM geschaffen hatte überstieg in seiner formalen Konsequenz und dem genialen Spiel aus glatten und gewölbten Flächen, Schärfe und Weicheit zugleich, alles bisher von Citroën Gekannte. So einzigartig, dass der SM auch heute, 50 Jahre nach seiner Vorstellung, noch aus jeder Perspektive überraschend frisch aussieht.

Zu verdanken haben wir dieses Design Robert Opron, der Bertoni 1964 als Chefdesigner bei Citroën nachfolgte. Schon mit einem seiner ersten Entwürfe, der »Fulgur« Studie von Simca, bewies er ein gewisses Geschick darin, mit Formen und Ideen zu provozieren. Der Fulgur erinnerte mit seiner Glaskuppel eher an ein Ufo, denn ein Auto und sollte – futuristisch – mit einem Atomantrieb versehen, sprachgesteuert und von Gyroskopen balanciert sein. Ging natürlich nie in Serie – klingt aber in vielen technischen Details sehr aktuell, oder?

Citroen SM
Citroën SM – vor genau 50 Jahren feierte der extravagante Franzose mit dem Maserati-Motor sein Debüt.

Wie also begegnet man einer Design-Ikone wie dem SM am besten? Wie wird man der gestalterischen Genialität gerecht? Am besten wohl, indem man vorne beginnt. Das Auto imaginär langsam auf sich zu-, und dann vorbeirollen lässt. Ein Leuchtenband mit sechs Scheinwerfern über die gesamte Front bildet den skulpturalen Auftakt. So etwas hatte es zuvor noch nie gegeben. Und ich kann mich nicht erinnern, es in dieser Kon- sequenz jemals wieder irgendwo gesehen zu haben. Nur durch einen eleganten Chromrahmen unterbrochen geht die Glasabdeckung in die glatten Flächen der vorderen Kotflügel und Radausschnitte über, die völlig ohne Sicke auskommen. Erst in der Mitte der Tür taucht eine leichte Kante auf, die, kraftvoller werdend, bis zum Heckabschluss verläuft. Ein Tropfen mit Kanten.

Ebenso glattflächig die Motorhaube, in die nur auf der rechten Seite ein Lüftungsgitter mit dem Double Chevron von Citroën als Intarsie eingelassen ist. Eine weitere, zarte Sicke verläuft unterhalb der Fensterlinie und setzt den Unterwagen vom Aufbau ab. Ganz zart nur und für so ein kraftvolles Auto ungewöhnlich, verschwindet sie ebenso schnell wieder im hinteren Kotflügel, wie sie aufgetaucht ist. In der Betrachtung dieser Seitenlinie glaube ich der Intuition und dem Genie Oprons näher zu kommen. Zurückhaltend sind seine Mittel. Gesetzt in eine feine Komposition, in der ein kleiner Kontrapunkt die glatten Flächen definiert.

Citroën SM – ein Coupé, das seinesgleichen sucht oder wie sagen Designer: Ein Tropfen mit Kanten.

Robert Opron hat auch in anderen Entwürfen immer wieder gezeigt, dass das Glatte, Harmonische seine Sache nicht ist. Die provozierende Kombination von Weichheit und Schärfe dagegen schon. Auch die von ihm gezeichneten und später bei Zagato gefertigten Alfa Romeo SZ und RZ, nicht unzutreffend »il mostro« (»Monster«) genannt, zeigen diese Merkmale. Sind aber auch Ausdruck von Oprons Freigeist. Brutal, aber nie banal und stets mit feinem Gespür. Er hat dem Car Design brillante Facetten hinzugefügt!

Den Abschluss dieser Symphonie von Formen, einer Harmonie der Gegensätze, bilden die leicht nach außen geschwungenen Auspuffrohre. Formen, die sich im ersten Moment zu widersprechen scheinen. Sich aber am Ende, weil sie von einem absoluten Meister gekonnt gesetzt sind, wie eine Dissonanz durch den Schlussakkord auflösen. Der SM, ein sinnliches Meisterstück, eine echte Ikone des Car Designs. Robert Opron, der fast unbekannte Meister, nimmt in meiner Hall of Fame der Automobil Designer einen Spitzenplatz ein.

Text Hans Ulrich Scholpp // Bearbeitung Berthold Dörrich // Fotos René Staud

Lesen Sie in OCTANE #50 die ganze Geschichte über den SM – und seinen rundum verbesserten Enkel SM2.

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