Klassiker

Die Zähmung des Teufels

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Aus Anlass des 30-jährigen Jubiläums des Diablo fuhr Octane ein Exemplar der ersten und letzten Generation. Um herauszufinden, wie der teuflische Sportwagen dank konsequenter Weiterentwicklung die Marke am Leben hielt.

Wie bei uns Menschen formt sich der Charakter nicht nur durch Erziehung, sondern auch durch Erfahrung und persönliche Weiterentwicklung. Die »Jugend« des Diablo war nicht einfach. Denn von Anfang an musste der Teufelswagen gegen Feindse­ligkeiten ankämpfen. 1986 war Sant’Agata Bolognese, der Stammsitz von Lamborghini, alles andere als ein glücklicher Ort.

Nach 1973 sah der taumelnde Sportwagenbauer drei Besitzerwechsel und 1978 die Insolvenz. 1980 kauften die Schweizer Brüder – und langjährigen Kunden – Jean­Claude und Patrick Mimran für drei Millionen Dollar die Marke mit dem Kampfstier im Wappen. Patrick wurde später CEO und Präsident; dank seines Investments erschienen der aus dem Urraco entwickelte Jalpa und der verrückte Offroader LM002. Beide sollten die unverändert guten Verkäufe des radikalen Countach abrunden. Mimram erkannte, dass sich die Homologation des Countach in verschie­denen Märkten immer schwieriger gestaltete. Und er zeigte langsam sein Alter – ein Nachfolger musste her.

Acht Jahre nach der Vorstellung des Diablo übernahm Audi Lamborghini und verpasste dem Teufel eine neue Frontpartie.

Für diese anspruchsvolle Aufgabe wurde im Januar 1985 als technischer Vater des künftigen Dia­ blo Ingegnere Luigi Marmiroli angeheuert. Der wurde 1945 in Fiorano Modenese geboren, also in enger Nachbarschaft zu der 1972 von Ferrari errichteten privaten Teststrecke. Und damit nah genug am Werk in Maranello, um den Sound von 12­-Zylinder­-Autos geradezu mit der Muttermilch aufzusaugen. Ihm wurde das Supersportwagen­-Gen quasi ab Geburt regelrecht eingepflanzt.

»Die neue Herausforderung war sehr reizvoll für mich«, bekennt Marmiroli. »Doch ehe ich bei Lam­borghini anfing, verbrachte ich einen Tag mit Ferruc­cio auf dessen Bauernhof, um den hinter der Marke stehenden ‚spirit‘ zu verstehen. Anfangs ging es etwas zäh los, doch dann bekam ich das ‚Go‘ und alles bewegte sich sehr schnell in die richtige Rich­tung. Nach sechs oder sieben Monaten war ein erster Testwagen fertig.«

Der Diablo wurde 1991 der Nachfolger des Countach – da war die Firma bereits an Chrysler verkauft worden, die das Design noch etwas entschärften.

Im Januar 1990 rollte der Diablo an den Verkaufs­ start. Dank seiner starken Ausstrahlung hatte er den Besitzerwechsel überstanden – keine Selbstver­ständlichkeit im Segment der Supersportwagen. Nicht, dass auch die Geburt des Projekts 132 – so der Codename – komplett komplikationslos verlief. Marmiroli: »Ein Hauptthema waren Investitionen in Forschungs­ und Entwicklungsaktivitäten. Unser erstes Ziel waren mehr PS. Ferrari hatte den F40 und wir konnten es uns nicht erlauben, leistungsmäßig zurückzuliegen. Wir wechselten so viel wie möglich am Countach­-Motor, behielten aber aus Kosten­gründen den Block und die Zylinderköpfe. Bei Tests mit 492 PS in Nardò erreichten wir 325 km/h.

Auf der Fahrt zu einem Windkanal in Paris ris­kierten wir sogar unser Leben – Turin war aufgrund unserer Wettbewerber keine Option. Um die Kosten für einen Lkw zu sparen, nutzten wir einen Lancia Thema mit Frontantrieb, im Schlepptau einen Anhän­ger mit dem Prototypen. Der Trailer war aber zu schwer für den Lancia und wir flogen von der Straße. Alles war hinüber – bis auf den Prototypen!«

Audi übernahm Lamborghini 1998 und sorgte für die letzte Modellpflege, unter anderem die Hubraumerweiterung von 5,7 auf 6,0 Liter.

Der Diablo überstand 1998 auch den bis heute letzten Besitzerwechsel, als die Audi­-Gruppe Lamborghini übernahm und entschied, dass das acht Jahre alte Modell noch zu jung sei, um schon einge­stellt zu werden. Stattdessen ging Ingolstadt an eine umfassende Überarbeitung. Beginnend mit einem Restyling unter Leitung des belgischen Designchefs Luc Donckerwolke, nach dem »Freelancer« Gandini der erste festangestellte Chefstilist in Sant’Agata.

Dank geballter Ingenieurskompetenz und jetzt gesegnet mit finanziellen Mitteln blühte der Teufel in Metall nun noch einmal richtig auf. Beginnend mit dem neuen Bug ohne Klappscheinwerfer und einem luxuriöseren Interieur, für das zuvor Chrysler verant­wortlich gezeichnet hatte. Die Karosserie wurde mit Kohlefaser verstärkt, der Motor erhielt eine Kraftkur auf 529 PS plus variable Ventilverstellung; die Bremsen ABS. Der letzte Diablo verließ nach fast 3000 Einheiten 2001 die Bänder und machte danach endgültig Platz für den Murciélago.

Sommer 2020, Norditalien, kurz nach Ende eines Lockdowns. Wir nehmen in Sant’Agata einen der letzten gebauten Diablo in Empfang, die Nummer 42 aus der letzten Serie von vermutlich 46 6.0 SE­-Typen. Er hat 550 PS, ist in Oro Elios lackiert und bis heute im Besitz des Werkes. Mit der Fahrgestellnummer ZA9DE01A01LA12898 wurde er nie zugelassen, ist quasi im ‚neuen‘ Zustand und hat in seinem ganzen Autoleben nur wenige tausend Kilometer abgespult. Während wir durch die Toskana fahren wird mir schnell deutlich, wie kraftvoll und schnell der Diablo auch noch nach heutigen Maßstäben ist.

Text Massimo Delbò // Fotos Max Serra // Bearbeitung Thomas Imhof

Lesen Sie in OCTANE #53, wie sich eine Ausfahrt im ersten und letzten Diablo-Modell anfühlt.

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