Klassiker

Aus dem Schatten getreten

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Der Silhouette ist der seltenste Lamborghini aus der klassischen Ära. Was sehr schade ist, wie Mark Dixon nach einer Fahrt mit dem faszinierenden Überlebenden feststellt.

Das Ganze verströmte die irreale Qualität eines Traums. Diese extreme Klarheit der Linien, diese grelle Intensität der Farben, dieses eindringliche Gefühl, selbst in der Bewegung in der Zeit stehen zu bleiben. Mit der Tachonadel bei 255 km/h und mit zwei weiteren goldenen Lamborghini vor mir.«

So las sich der Einstieg zu einem der berühmtesten Fahrberichte mit Autos im englischsprachigen Raum. Anfang 1977 half der Journalist Mel Nichols, drei brandneue Lamborghini – einen Countach, einen Urraco und einen Silhouette – von Sant Agata nach London zu überführen. Die dabei entstandene Story wurde im CAR Magazin veröf­ fentlicht und inspirierte auf Anhieb dank ihrer Passion und Poesie eine ganze Generation von Fans.

Welche Ironie daher, dass einer der drei damaligen Protago­ nisten heute zu den unbekanntesten Lamborghini der goldenen Epoche gehört. Gemeint ist der Silhouette, von dem zwischen 1976 und 1979 nur 52 Produktionswagen plus eine Handvoll Pro­totypen entstanden. Wenn Sie sich die Bilder auf diesen Seiten anschauen, ist das einfach nur verdammt schade.

Einer von nur 52 produzierten Lamborghini Silhouette – vermutlich ist unser Protagonist deshalb ein wenig in Vergessenheit geraten.

Der Silhouette übernimmt den 3,0­Liter­V8 vom Urraco. Der Motor begann seine Karriere als 2,5­-Liter­DOHC im Urraco P250, ehe er 1975 für den Einsatz im Urraco P300 zum Vierno­ckenwellen­-Dreiliter erstarkte. Weil die Zahnriemen gerne ein­mal rissen, übernahmen nun Ketten die Nockenwellensteue­rung. Sowohl der Motor wie das Fünfgang­-Getriebe waren Lamborghini-Eigenentwicklungen unter Leitung des großen Paolo Stanzani. Als Paket wurden sie quer zur Fahrtrichtung vor der Hinterachse installiert. Eine der Eigenheiten des Silhouette ist der unter der Motorabdeckung versteckte Benzineinfüllstut­zen. Bei heißem Triebwerk sollte man also genau darauf achten, wohin der Sprit hin tropft …

»DAS AUTO KLINGT AM BESTEN VON AUSSEN. MAN KANN DIE VOLLE SOUND- PALETTE DES V8 NUR ALS BEISTEHEN- DER WIRKLICH ERFASSEN.«

Start und erster Gang eingelegt. Wie der große Rivale Ferrari 308 GTB – oder genauer gesagt GTS – hat auch der Lamborghini einen großen, dürren und verchromten Schaltknüppel, der durch eine offene metallische Schaltkulisse geführt wird. Zwar nicht so präzise wie im 308, obwohl jedes Mal beim Einlegen ein beruhigendes »Clack«­Geräusch ertönt.

Der Dreiliter mit vier Nockenwellen hatte seine Karriere im Urraco begonnen, bevor er deutlich stärker im Silhouette zum Einsatz kam.

Keine Frage – der Silhouette gehört definitiv zu den sportlichs­ten Vertretern des GT­-Spektrums. Fahrdynamisch liegt er näher an einem De Tomaso Pantera als an einem Ferrari 308. Wie der italo­-amerikanische Hybride vermittelt er ein roheres und weni­ ger isoliertes Gefühl zur Straße. Die Lenkung (ohne Servounter­stützung) ist spitz und super direkt; der Abrollkomfort straff und weniger ausgewogen wie im 308. Als Folge wird im Grunde jede Gemeinheit der Straße direkt ins Lenkrad weitergegeben. Mitun­ter tritt auch das sonst von Cabrios bekannte »scuttle shake« auf, ein Verwinden und Vibrieren des Aufbaus, was den damaligen Schreiberlingen aber keinen nachhaltigen Schrecken einjagte.

Wenn Sie noch immer zweifeln, dann hören Sie doch nochmal Mel Nichols zu: »Der Mont Blanc leuchtete voraus; die Sonne stand tief und sank schnell, die Luft wurde kälter. Die Heizung, auf Volldampf, wärmte meine Füße und Brust, während mein Gesicht einfror. Doch was für ein Abend – so mühelos diesen Berg hinaufzuflie­gen und zu entdecken, dass der Silhouette und seine Pirelli mehr Grip aufbauten als erwartet. Wieder allein in einem echten Sport­wagen, mit der Kraft, diese Kurven regelrecht zu verschlingen und die Lkw katapultartig zu überholen. Ich verlor jegliches Zeitge­fühl, während ich diese wundervolle Erfahrung machte.« Welchen Preis würden Sie zahlen für das perfekte Vergnügen?

Text: Mark Dixon; Fotos: Tim Andrew; Bearbeitung: Thomas Imhof

Lesen Sie in OCTANE #48 den kompletten Fahrbericht vom Silhouette.

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