Klassiker

Rouge vs Blue – Facel Vega und Gordon-Keeble

Nächste Story

Zwei Länder, zwei Interpretationen desselben Themas: Der französische Facel tritt gegen den britischen Gordon-Keeble an – beide mit V8-US-Power. Robert Coucher ist unsere Referee im Kräftemessen zweier Luxus-GT.

Zwei Designstücke

Nach diesem Sound drehen sich alle um: Mit tiefem Grollen aus unüberhörbar großem Hubraum rollen zwei elegante Coupés durch London. Was sie da hören, können die meisten Betrachter einordnen – jedoch nicht, was sie sehen. Denn der irisblaue Gordon-Keeble GK1 aus dem Jahr 1964 ist eines der ersten von nur 99 Exemplaren, die bis 1967 hergestellt wurden. Der 1963er Facel Vega Facel II in Rouge Vaumol gehört zu einer Serie von immerhin 180 Exemplaren dieses Modells und ist dennoch so selten wie Café au lait zu einem British Breakfast. Beide sind auffallend attraktiv. Kein Wunder, schließlich wurden sie von den führenden Designern ihrer Zeit gestaltet. Der junge Giorgetto Giugiaro entwarf den sehr britischen Gordon-Keeble, der in Slough konzipiert und in Southampton gebaut wurde. Das Design des Facel II ist das Werk von Jean Daninos (siehe OCTANE #45), produziert wurde er in Colombes, einem Vorort von Paris.

Sieht man diese beiden eleganten Boulevard-Gleiter im Stand, erwartet man einen ausgefeilten europäischen GT-Sound, zum Beispiel einen Dreiliter-Reihensechszylinder, möglicherweise mit zwei obenliegenden Nockenwellen. Der Klang wäre aristokratisch und kultiviert. Doch in der Realität klingen die beiden Coupés viel wilder, geradezu ungezähmt und herausfordernd. Der 6,3-Liter-V8 von Chrysler im Facel und der 5,4-Liter-Corvette-Motor von Chevrolet im Gordon-Keeble liefern einen kraftvollen Soundtrack und der Klang verspricht: Diese GT können und wollen mehr als bloß gut aussehen!

Facels schwieriger Weg

Jean Daninos, 1906 in Paris geboren, war ein wahrer Universalkönner: Ingenieur, Designer, Olympiateilnehmer 1928 im Eiskunstlauf und Unternehmer. Nach Anstellungen bei Citroën – wo er an der Entwicklung des Traction Avant beteiligt war – und beim Flugzeugbauer Morane-Saulnier gründete er zunächst ein Konstruktionsbüro und 1939 dann FACEL (Forges et Ateliers de Construction d’Eure-et-Loir), das Teile für Militärflugzeuge herstellte. Nach dem Krieg wandelte sich Facel zum Automobilzulieferer und fertigte in Kleinserie Karosserien für Ford, Simca, Delahaye und Panhard. Bald entwickelte er sein erstes eigenes Modell, den barocken Facel Vega von 1955. Es folgten 1958 der größere HK500 und der viertürige Excellence, alle angetrieben von großen US-V8-Motoren.

Weil Daninos erkannte, dass es für diese extravaganten Fahrzeuge nur eine begrenzte zahlungskräftige Klientel gab, stellte er 1950 den kleineren, vernünftigeren, aber dennoch stilvollen Facellia vor. Als Cabriolet und Coupé erhältlich, war er mit einem bescheidenen 1,6-Liter-Twincam-Vierzylinder ausgestattet, entworfen vom ehemaligen Talbot-Lago-Ingenieur Carlo Machetti. Leider erwies sich der Motor als Flop und wich im Nachfolger Facellia III ab 1963 dem robusten Volvo B18 – doch es war zu spät für dieses Modell. Daninos selbst mochte den HK-Nachfolger Facel II am liebsten: »Der HK 500 war das interessanteste Auto, das wir je gebaut haben, aber der Facel II war das beste – durch und durch elegant.«

Fotos Paul Harmer // Johannes Schnettler

Nächste Story

Das könnte Sie auch interessieren

0 Shares