Mit dem Countach 5000 Quattrovalvole erhob Lamborghini den Anspruch, das schnellste Serienauto seiner Zeit zu bauen. Diesen hier gönnte sich Rennfahrer Pierluigi Martini – und bewies, dass die Topspeed-Angaben kein PR-Gag waren.

Der flache Keil löste Begeisterung aus
Am Ufer des Lago Maggiore ist es ein wunderschöner Tag, als ich mit diesem Lamborghini Countach 5000 Quattrovalvole aus dem Jahr 1986 losfahre. Jeder Countach ist ein besonderes Auto – doch dieses Exemplar mit der Fahrgestellnummer FLA 12894 ist noch ein Stück besonderer. Warum das so ist, können die Menschen nicht wissen, die sich auf der eleganten Promenade von Stresa nach ihm umdrehen. Dennoch sind sie fasziniert. Viele zücken ihr Handy, ein Audi RS-Fahrer winkt mir zu und hält den Daumen hoch, eine Gruppe von Männern bricht spontan in Applaus aus, als ich vorbeifahre. Und das bei einem 40 Jahre alten Auto, dessen Ursprünge mehr als ein halbes Jahrhundert zurückliegen. Männer.
Wie umwerfend muss der Countach erst gewirkt haben, als am Genfer Salon 1971 auf dem Stand von Bertone der erste Prototyp zu sehen war? Er wurde noch als Studie präsentiert, um auszuloten, ob der Markt für eine so revolutionäre Form bereit war. Die Antwort war ein klares Ja, denn der flache Keil löste helle Begeisterung aus. Jedes Automagazin brachte den gelben LP 500 Countach-Prototypen auf seinem Cover, er wurde zu einem der bekanntesten Show-cars der Geschichte – was Lamborghini vor ein Problem stellte. Denn der Markt wollte ihn nicht nur, er sehnte sich nach ihm. Sofort und ohne Rücksicht darauf, dass die Studie alles andere als serienreif war. Lamborghinis legendärer Testfahrer Bob Wallace brauchte gut drei Jahre harter Arbeit, um ihn serien- tauglich zu machen. Und das war erst der Anfang der langen Evolutionsgeschichte des Countach.

Supercars-Maßstäbe für 20 Jahre
Der 2024 verstorbene Marcello Gandini, der als Chefdesigner von Bertone den Miura und den Countach mit seiner sensationellen Silhouette kreierte, erklärte mir einmal: »Der Miura verkaufte sich immer noch gut. Der Miura SV wurde in Genf sogar parallel zum Countach vorgestellt. Aber bei Lamborghini wagten wir es – ganz im Sinne unseres Chefs Ferruccio –, mutig und anders zu sein. Die neue Position des Motors, das neuartige Design mit Kanten und Ecken, ein anderer Türmechanismus … Diese ungewöhnlichen ›Scherentüren‹ gingen auf unseren Willen zurück, ein neues Konzept zu schaffen, etwas Revolutionäres zu zeigen und gleichzeitig den Einstieg zu erleichtern.«
Als 1974 schließlich das erste Serienmodell zu den Händlern kam, war die Produktion des Miura dann doch ausgelaufen. Erster Käufer des LP 400 war der austro-kanadische Ölmagnat Walter Wolf, der sich wenig später noch ein Formel-1-Team gönnte. Wolf ließ seinen Countach von Ingegnere Giampaolo Dallara, der Lamborghini nur wenige Monate zuvor zwecks Gründung seines eigenen Unternehmens verlassen hatte, umfassend überarbeiten. Dallara verpasste dem Wolf LP 400 unter anderem ultraflache Pirelli P7-Reifen und entsprechend verbreiterte Radhäuser, die vorn in den Frontspoiler übergingen. Die größere Auflagefläche der Reifen erforderte zudem eine neue Fahrwerksabstimmung. Diesen von den Kunden begeistert aufgenommenen »breiten Look« übernahm Lamborghini für den 1978 in Genf präsentierten LP 400S. Er sollte auf Postern die Wände von Millionen Teenagerzimmern zieren und setzte Maßstäbe für Supercars der nächsten zwei Jahrzehnte.





Text Massimo Delbo // Fotos Max Serra // Bearbeitung Johannes Schnettler
Das ganze Portrait über den Lamborghini Countach lesen Sie in OCTANE #82

Ausgabe 82 – Lamborghini Countach
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