Allgemein Klassiker

Streifenwagen aus Maranello

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Dieser Ferrari 250 GTE verhalf der italienischen Polizei bei der Verbrecherjagd zu deutlich höheren Fahndungserfolgen. Massimo Delbò enthüllt seine heldenhafte Geschichte.

Ein Ferrari GT war in den 1960er-Jahren ein Status-Symbol für die Reichen der Welt, erfüllte perfekt das Image eines ausschweifenden Lebensstils und nie endender Partys. Doch im Fall dieses speziellen Ferrari 250 GTE 2+2 Serie II von 1962 mit Fahrgestellnummer #3999 öffnet sich eine dunkle Seite dieser idyllischen Zeit.

Denn im boomenden Italien der Nachkriegszeit wollten auch Ganoven aller Art ein Stück vom Kuchen abhaben. Speziell im Großraum Rom. Als Folge dieser Zweiteilung in die »Guten« und die »Bösen« waren rasante Verfolgungsjagden auf öffentlichen Straßen keine Seltenheit. Zum Lager der »Guten« gehörte der 1927 auf Sizilien geborene Polizist Armando Spatafora. Der Maresciallo liebte Autos, war von Natur aus ein kompetenter Fahrer und trat 1950 in die Polizei der Hauptstadt ein. Schon bald wurde er dank seines fahrerischen Talents in eine Abteilung befördert, die gewöhnlich am Steuer eines Alfa Romeo 1900 auf Verbrecherjagd ging: die Squadra Mobile.

Der Ferrari GTE der römischen Polizei wurde in den 1960er-Jahren zum Schrecken aller Verbrecher, die sich auf eine Verfolgungsfahrt einließen.

Herbst 1962, Rom: Angelo Vicari, seit 1960 Chef der italienischen Polizei und ebenfalls auf Sizilien geboren, stattet der Hauptwache der römischen Squadra Mobile einen Besuch ab. Vor den im Hof sauber aufgereihten Polizeibeamten hält er eine Rede und fragt: »Was brauchen Sie, um noch mehr Kriminelle zu fassen?« Zunächst nur Schweigen, viele sind unsicher, ob die Frage nur rhetorisch gemeint ist oder nicht. Doch dann hallt eine klare und laute Stimme durch den Hof: »Einen Ferrari«. Es ist Spatafora, viele Gesichter erblassen in Sekundenschnelle. Doch hellen sich schnell wieder auf. Denn Vicari verspricht Spatafora, genau einen solchen Wagen zu besorgen. Und so öffnet sich ein neues Kapitel in der Geschichte von Ferrari und der italienischen Polizei.

Im Dezember 1962 wurden vier speziell ausgewählte Polizisten – Dalmatio De Angelis, Giuseppe Savi, Carlo Annicchiarico und selbstverständlich Armando Spatafora – zu einem Hochgeschwindigkeitsfahrtraining nach Maranello entsandt. Um den 230 km/h schnellen Wagen sicher beherrschen zu lernen. Ihr Instruktor war Roberto Lippi, ein Ex-Rennfahrer, der nun in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung von Ferrari arbeitete.

Bis auf die Funkantenne und das Blaulicht auf dem Dach unterscheidet sich der Ferrari äußerlich nicht von seinen Artgenossen.

»Spatafora war ein wundervoller Mensch«, erinnerte sich der 2011 verstorbene Lippi. »Sehr schnell und absolut furchtlos, er brauchte nur ein wenig Training, um sanfter mit dem Auto umzugehen und auch ein wenig schonender zur Mechanik zu sein. Wir trainierten auf der Rennstrecke und auf öffentlichen Straßen, um das Umfeld nachzustellen, auf dem die Polizei üblicherweise operiert. An einem Tag simulierten wir auf der Autostrada Bologna-Florenz eine Verfolgungsjagd zwischen zwei Ferrari. Dabei wurden wir von diensthabenden Polizisten abgefangen, sie blockierten die Fahrbahn mit zwei Autos!«

Spatafora, der im Februar 1987 nach einer langen und erfüllenden Polizei-Laufbahn starb, erinnerte sich in seiner Biografie »The Policeman with the Ferrari« noch genau an das Auto: »Der Ferrari war eine andere Welt. Wir kamen vom Alfa 1900 oder, wenn wir Glück hatten, vom 2600. Sie waren veraltet und viel langsamer als die Autos, die wir verfolgen mussten. Die Grenzen des Ferrari lagen nur im knüppelharten Abrollverhalten auf den lausig schlechten Landstraßen, doch man konnte nicht alles haben.«

Die Squadra Mobile übernahm regelmäßig Verfolgungsfahrten mit dem Ferrari – lieferte aber auch schon mal Blutkonserven per Express aus.

Ein zweiter Polizei-Ferrari mit Fahrgestellnummer 3363 wurde 1962 nach diversen Quellen ausgeliefert, soll aber bei einer von Polizisten auf einer öffentlichen Straße durchgeführten Probefahrt(mit tödlichem Ausgang komplett zerstört worden sein. An die Squadra Mobile, das steht absolut fest, wurde definitiv nur dieses eine Modell geliefert. In der kundigen Hand von Spatafora blieb es sechs Jahre lang (sehr aktiv) im Dienst un unterschied sich von einem zivilen 250 GTE nur durch eine unterm Armaturenbrett eingebaute Funksprechanlage, Blaulicht auf dem Dach, Sirene unter der Haube und den zur Aktivierung von Hupe und Blaulicht benötigten Schaltern. Der Code für jeden Funkspruch aus dem Ferrari lautete »Siena Monza 44«: S für »Squadra«, M für »Mobile« und 44 für das Nummernschild »Polizia 29444«.

Die kriminellen Kreise Roms waren voll von talentierten Autofahrern, die sogar regelmäßig auf der nahen Rennstrecke von Vallelunga trainierten. Doch bald dämmerte ihnen, welche Gefahr ihnen durch die Paarung Spatafora/Ferrari erwuchs. Der Legende nach soll es vor allem für Roms jüngere Verbrecher fast schon zu einer Prestigefrage geworden sein, Spatafora und seinen Ferrari in einer Verfolgungsjagd zu schlagen.

Text Massimo Delbò // Fotos Thomas Gidden // Bearbeitung Thomas Imhof

Lesen Sie in OCTANE #54, wie die römische Polizei mit dem Ferrari die Gangster jagte.

OCTANE #54

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