Klassiker

EIN ALFA MIT GESCHICHTE

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Unter dieser Karosserie steckt ein seltener Alfa Romeo 6C 1750 SS mit bizarrer Geschichte – darunter eine Verbindung zum italienischen Diktator Benito Mussolini.

Schaut erstmal nach nicht viel aus, oder? Offenbar irgendein Rennwagen mit einer Karosserie, die von einem Metallarbeiter – Handwerker wäre eine zu schmeichel- hafte Titulierung – aus mehreren Aluminiumblechen zusammengeklöppelt wurde. Mit dem Fokus auf der Funktion statt der Form. Seine stumpfe, verschalte Nase und sein an einen Ochsenfrosch erinnernder breitbeiniger Auftritt deuten auf einen Eigenbau aus den 1950er-Jahren hin. Und der Mischmasch aus vorderen Scheiben- und hinteren Drahtspeichenrädern steigert seine Eleganz auch nicht unbedingt. Wäre da nicht ein ein Alfa Romeo-Schriftzug auf dem Kühler, in fließender Vorkriegstypo.

Ein Hinweis darauf, dass unter dieser Heimwerker-Karosse etwas Spezielles stecken muss. Etwas sehr Spezielles, wie sich herausstellen sollte. Denn die Basis dieses so schwer gezeichneten Modells bildet kein geringerer Typ als ein Alfa Romeo 6C 1750 Super Sport, Baujahr 1929. Und damit nicht genug: Er war im Neuzustand im Besitz des italienischen Diktators und Faschistenführers Benito »Il Duce« Mussolini.

Während die Karosserie ihre Ursprünge verschleiert, finden sich unterm Blech viele Originalteile des 1929 produzierten Alfa. 

Die Dominanz von Alfa Romeo bei der Mille Miglia von 1928 und dann bei allen Ausgaben der 1930er-Jahre war schier erdrückend: So belegte 1933 Alfa die ersten zehn Plätze im Ziel! Dem Doppelnockenwellen-6C (für sei cilindri oder sechs Zylinder), mit dem Alfa 1928 den ersten Sieg errang, folgte 1929 eine leistungsgesteigerte Version der Konstruktion von Vittorio Jano: der 6C 1750. Es gab ihn in einer verwirrenden Zahl an Fahrwerks- und Karosseriekombinationen, unter denen der Super Sport mit kurzem Radstand zu den Begehrtesten gehörte. Aber wie man es auch dreht und wendet: Es überrascht nicht, dass 6C-SS die »Mille«-Ausgaben von 1929 und 1930 gewannen. Überlebt haben trotzdem nicht viele.

Daher taucht ein 1750 SS »Scheunenfund« nicht jeden Tag auf. Um den Jetzt-Zustand festzuhalten, entschloss sich die in Gloucestershire ansässige Firma Thornley-Kelham vor dem Start zu einer Rundum-Restauration, den mysteriösen roten Renner im Studio in all seiner morbiden »Schönheit« abzulichten. Firmenchef Simon Thornley ist vor Ort und erzählt OCTANE, wie das Auto aufgespürt wurde und wie es an sein unförmiges Metallkleid kam.

Der Alfa 6C 1750 war ein Star bei den Mille Miglia-Fahrten Anfang der 1930er-Jahre.

»Der Alfa gehörte einem Motorrad-Sammler, der irgendwo in der Pampa außerhalb von Atlanta wohnte. Ein sehr netter Bursche, der ihn zusammen mit einem weiteren Alfa vor einiger Zeit erstanden hatte. Er stand schon recht lange zum Verkauf, weil er einen sehr hohen Preis aufgerufen hatte. Denn der Typ wusste von der Mussolini-Connection und zeigte uns einige Dokumente, die der bekannte Alfa Romeo Classic-Experte John de Boer zusammengestellt hatte. Auf Grundlage von Johns Informationen und unserer Begutachtung sowie einer Kopie des originalen Bordbuchs handelten wir einen Preis aus und organisierten den Seetransport nach Großbritannien.«

Am Heck zeigt sich, wie der Rennwagen immer wieder ausgebessert, aber nie korrekt repariert oder gar restauriert wurde.

Der entscheidende Durchbruch bei der Frage nach seiner Herkunft fand sich im Bordbuch. Es wies aus, dass dieser Wagen, ein 1750 Super Sport der dritten Serie mit Chassisnummer #6C0312898 war, am 25. November 1929 gebaut und am 13. Januar 1930 zum Preis von 60.000 Lire an Mussolini ausgeliefert wurde. Wir werden nie erfahren, ob er den Wagen aus eigener Tasche bezahlt hat. Doch wenn man bedenkt, dass er zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr nur italienischer Ministerpräsident, sondern längst in die Rolle des Diktators geschlüpft war, kann man seine eigenen Schlüsse ziehen.

Trotz allem stellt sich die berechtigte Frage, warum jemand die elegante und von einem anerkannten italienischen Karosseriebauer geformte Karosserie gegen die bullige Hülle eintauschen wollte, welche diesen Alfa heute »ziert«? Die Antwort liegt in der Karriere des Autos in den späten 1930er-Jahren. Mussolini gab den Alfa am 18. August 1931 ab und nach mehreren Besitzerwechseln ging er am 21. März 1937 an Renato Tigillo, der ihn im August desselben Jahres nach Eritrea verfrachten ließ. Wohin er wie viele Italiener jener Zeit emigrierte und wo viele Herrenfahrer bei dortigen Autorennen ihrer Leidenschaft frönten. 

Wie gesagt brachten die italienische Kolonisatoren ihre Liebe zum Motorsport mit. Der Alfa Romeo-Historiker Simon Moore berichtet, dass als eines der ersten lokalen Events am 23. Mai 1937 ein Bergrennen über 26 Kilometer abgehalten wurde; am Weih- nachtstag des Jahres 1938 lief sogar Asmaras eigener »Grand Prix«, die »Coppa Natale«. Nicht weniger als 14 (!) Alfa 6C 1750 traten zum Hauptrennen an. Das hilft zu verstehen, warum es Alfa Romeo für lohnenswert hielt, hier eine offizielle Vertretung einzurichten.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass »unser« Fotomodell unter ihnen war, doch definitiv nahm es beim Rennen von 1950 teil. Es war die dritte Auflage des durch den Zweiten Weltkrieg unterbrochenen Events. Eritrea befand sich nun unter britischer Kontrolle, und viele der italienischen Rennwagen noch immer im Land. Fotos zeigen, wie das Auto mit Startnummer 20 nun aussah. Radikal abgestrippt, ohne Kotflügel, Trittbretter, Verdeck und die große Windschutzscheibe. Im Stil eines Monoposto, gleichwohl weiter als Zweisitzer, aber dank des originalen Kühlergrills noch gut als Vorkriegs-Alfa zu erkennen.

Text Mark Dixon // Fotos Ashley Border // Bearbeitung Thomas Imhof

Lesen Sie in OCTANE #51 die faszinierende Historie dieses Mussolini-Alfa.

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