Klassiker

Der Porsche, der Carrera machte

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Mit dem 550 stieg Porsche 1953 in das Renngeschäft ein und siegte fortan in den kleinen Klassen. Nach dem Doppelerfolg 1954 bei der V. Carrera Panamericana wurde das spanische Wort Carrera für “Rennen” zur Auszeichnung der stärksten Modelle bei Porsche.

Eine große Menschenmenge hat sich am 12. Juni 1954 vor dem Start des 24-Stunden-Rennens in Le Mans in der Boxengasse vor den Porsche-Schildern versammelt. Vier Prototypen des neuen 550 Spyder mit dem neuen Königswellenmotor stehen bereit. Sie sind allesamt offizielle Porsche-550-Werksrennwagen.

Johnny Claes, der 37-jährige Jazzmusiker und Autorennfahrer, wird mit seinem Teamkollegen und belgischen Landsmann Pierre Stasse den Wagen mit der Chassisnummer 550-12 und der Startnummer 39 fahren. In wenigen Minuten wird das Rennen freigegeben. Die Fahrer stehen wie Leichtathleten auf der anderen Seite der Strecke, jeder in einem markierten Kreis mit aufgemalter Startnummer. Als die Flagge fällt, heißt es loslaufen, in den schräg zur Fahrtrichtung geparkten Rennwagen springen, den Motor starten und losrasen – das ist Le Mans.

Le Mans 1954: Johnny Claes am Steuer des Porsche 550 mit der Startnummer 39.

Die vier Fahrzeuge aus Zuffenhausen treten gegen eine große Konkurrenz hubraumstarker Boliden an. Wie den Ferrari 375 Plus, die Jaguar C- und D-Type oder den Cunningham C4-R. Ernst Fuhrmann, Leiter der Motorenentwicklung bei Porsche, konstruierte den Motor Typ 547, der später als “Fuhr- mann-Motor” bekannt und berühmt wurde: Der Motorblock, die Zylinder und die Zylinderköpfe des luftgekühlten 1,5-Liter-Vierzylinder-Boxermotors sind aus Leichtmetall. Die vier obenliegenden Nockenwellen werden durch Königswellen angetrieben. Im Vorjahr waren die 550 Spyder noch mit Coupé-Aufsatz und alten Stoßstangenmotoren angetreten, hatten aber bereits den Klassensieg geholt.

Für die effiziente Leistungsentfaltung in den neuen Spyder-Motoren sorgen zwei Solex- oder Weber-Doppelfallstromvergaser, Doppelzündung mit zwei getrennten Zündverteilern und zwei Zündspulen. Ein separater 8-Liter-Öltank ist für die Trockensumpfschmierung zuständig.

Der restaurierte Wagen vor der letzten Probefahrt.

Der Motor leistet 110 PS bei einem maximalen Drehmoment von 121 Nm bei 5000 U/min. Maximal dreht die Maschine bis 7800 U/min hoch, so erreicht der aerodynamisch flach gebaute Wagen eine Höchstgeschwindigkeit von bis zu 220 km/h. Die Radaufhängung ist unabhängig, hinten gibt es eine Pendelachse. Um in engen Kurven das Durchdrehen der Räder zu vermeiden, kommt ein Sperrdifferenzial von ZF zum Einsatz.

Das Fahrgestell besteht aus einem Leiterrahmen aus geschweißten Stahlrohren und hat einen flachen Boden mit einem Aluminiumbodenblech – ein Flachrahmen gegenüber dem Gitterohrrahmen des 550 A ab 1956. Die selbsttragende Karosserie der ersten Exemplare stammt von den Karosseriewerken Weinsberg, wo schon der Käfer-Prototyp entstanden war.

Technisch waren drei der vier Porsche identisch, der vierte 550er startete mit einem verkleinerten Motor in der 1100-ccm-Klasse, der 93 PS bei 5000 U/min leistete. In der äußeren Erscheinung der vier Spyder gab es Unterschiede: Die Blinker vorn rechts leuchteten in unterschiedlichen Farben und die Markierungen an den Seiten des Hecks waren farblich differenziert. Der Spyder mit der Chassisnummer 12 hatte einen grünen Blinker vorn rechts und seine Hecklackierung war türkisblau. Der Sinn war, dass die Mechaniker in den Boxen auch bei schlechten Lichtverhältnissen und selbst in der Dunkelheit die vier Fahrzeuge bei der Einfahrt schnell voneinander unterscheiden konnten.

24 Stunden nach dem Start wurde der Wagen mit der Rennnummer 39 und den Fahrern Claes/Stasse als Sieger der Klasse bis 1500 Kubikzentimeter und Zwölfter des Gesamtklassements abgewinkt. Der 1100er-Spyder mit Zora Arkus-Duntov/Olivier Gonzague kam auf Rang 14, die anderen Porsche mit von Frankenberg/Glöckler und Herrmann/Polensky fielen aus.

Text: Walter Korinek // Fotos: Walter Korinke und Unternehmens­archiv Porsche AG

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