Klassiker

DEM COMMENDATORE ZU EHREN

Vorherige Story
Nächste Story

Der eher durch seinen Auftritt in einem Computerspiel bekannt gewordene Isdera Commendatore 112i galt jahrelang als verschollen. Nun wurde das Einzelstück aus der Sportwagenmanufaktur von Eberhard Schulz mit Blick auf eine Versteigerung restauriert.

Trotz seiner Exotik sind viele Miglieder meiner Generation den 1993 gebauten Isdera Commendatore 112i regelmäßig gefahren – in einem Computerspiel. Denn er gehörte zu jenen Hypercars, zwischen denen man 1997 im Konsole-Rennspiel »Need for Speed II« wählen konnte. Ich selbst bin ihn leider auf der PlayStation nie gefahren, obwohl ich viele Stunden damit verbrachte, vom Lotus Esprit bis zum Ferrari F50 virtuelle Strecken aufzusaugen. Damals war ich nicht interessiert an diesem unbekannten deutschen Supersportwagen, weil ich nicht daran glaubte, dass er überhaupt existierte. Erst viele Jahre später erfuhr ich, dass es ihn wirklich gab.

Die Geschichte des Commendatore reicht zurück bis ins Jahr 1969. Als der Maschinenbaustudent Eberhard Schulz, gerade jung verheiratet und von Hildesheim »mitten ins Moor« nach Ostfriesland gezogen – wo seine Frau eine Stelle als Lehrerin bekommen hatte –, in der Waschküche in Klostermoor sein erstes Auto baute. Der Erator GTE ähnelte dem Ford GT40, doch war es Schulz, der das Einzelstück konstruierte und fertig baute.

Der Isdera Commentadore 112i ist ein Einzelstück, allen Gerüchten zum Trotz.

Im Jahr 1971 fuhr er damit nach Stuttgart, wo er – auch ohne abgeschlossenes Studium – eine Stelle im Porsche Designstudio erhielt und bis 1978 als Ingenieur im Fahrversuch tätig war. Während eines Zwischenspiels beim Frankfurter Edeltuner Rainer Buchmann und dessen Firma B&B entstand dann der erste »echte Schulz« – die auf der IAA von 1978 gezeigte Supersportwagenstudie CW311. Ein spiritueller Nachfolger des 300 SL Flügeltürers, der sogar am Kühlergrill den Mercedes-Stern tragen durfte – ein bis heute nicht mehr wiederholter Ritterschlag.

Werbung

1993 enthüllte Isdera dann auf der Frankfurter IAA den ursprünglich für einen Einsatz bei den 24 Stunden von Le Mans gedachten Commendatore 112i. Schulz taufte ihn nach dem ehrfürchtigen Beinamen von Enzo Ferrari, den er sehr bewundert hatte und der fünf Jahre zuvor gestorben war. Erneut mit einem Mercedes-Herz, diesmal dem 6,0-Liter-V12 (M120) aus der S-Klasse W 140. Über einen netzartigen Gitterohrrahmen gespannt war eine Langheckkarosse aus GFK. Der V12 war längs und knapp vor der Hinterachse montiert, dahinter saß das Getriebe.

Doppelte Flügeltüren erleichtern nicht nur den Zustieg, sondern auch die Wartung am Motor.

Gedacht als »praktischer Supersportwagen«, war der Commendatore mehr GT als straßenzugelassener Le Mans-Prototyp. Er besaß einen großen 120-Liter-Tank, im Bug einen 200 Liter fassenden Kofferraum und eine enge, aber dennoch komfotable Kabine mit lederbezogenen Rennsitzen, Klimaanlage und einer High-End-Stereoanlage. Neben ABS und ASR spendierte ihm Schulz ein Aktivfahrwerk von Bilstein, das sich auf der Autobahn automatisch um bis zu sieben Zentimeter absenkte. Als erstes Auto überhaupt verfügte der Commendatore über eine automatische Luftbremse am Heck. Und auf dem Dach saß wieder ein Rückspiegel in Form eines Periskops. Die Klappscheinwerfer stammten vom Porsche 968, und der Mono-Scheibenwischer war ursprünglich für einen japanischen Hochgeschwindigkeitszug entwickelt worden.

Unter Plexiglas schlummert der V12 von Mercedes-Benz mit 408 PS.

Die Höchstgeschwindigkeit gab Isdera mit 340 km/h an, dank des sehr niedrigen cw-Werts von 0,3606 und der 408 PS des V12. Da Mercedes ab Werk nie ein Handschaltgetriebe für den V12 entwickelt hatte, griff Schulz zu einer Getrag-Box, die bei RUF eine sechste Fahrstufe erhielt. Doch der 1575 Kilo schwere Commendatore 112i brachte es nie bis Le Mans. Wobei das sicher das kleinere Übel war. Isdera hatte für die Entwicklung Unterstützung von einem japanischen Investor erhalten, doch trocknete dessen Geldfluss aus, als Japans Wirtschaft in den frühen 90er-Jahren in eine Krise rutschte. Am Ende musste Isdera 1993 mangels finanzieller Reserven Insolvenz anmelden und Eberhard Schulz, immer schon ein Mann, der das Rampenlicht eher scheute, kehrte in relativer Anonymität in sein Kerngeschäft zurück.

Der Commendatore ging danach in den Besitz eines Schweizer Konsortiums und hatte auf der IAA von 1999 noch einen einmaligen Auftritt als »Silver Arrow«. Diesem vorangegangen war schon 1997 der Einstieg in Need for Speed II für die PlayStation. Nur einmal, 2005, wurde das Auto von seinem Besitzer zum Verkauf für 1,2 Millionen Euro angeboten, danach blieb sein Verbleib im Unklaren, begleitet von Gerüchten um ein zweites Auto.

Während all der Jahre äußerte sich Schulz nie zu Gerüchten über einen zweiten Commendatore – weder bestätigte noch dementierte er sie. Isderas aktueller Geschäftsführer Stefan Peters klärt das Mysterium auf: »Ein deutscher Kunde von Schulz hatte bereits zwei Isdera und wollte seinen eigenen Commendatore. Er besaß einen Rahmen, plante aber darauf ein in einschneidenden Punkten vom Original abweichendes Auto aufzubauen. Da wir die Rechte an der Marke Isdera halten, teilten wir ihm mit, dass er für sein Auto jede Karosserieform nutzen könne, die er wolle. Doch würden wir ihm nicht erlauben, das Auto dann Isdera zu nennen. Unser Commendatore 112i wird also das einzig jemals gebaute Exemplar bleiben.«

Text Diederik Plug // Fotos Rémi Dargegen // Bearbeitung Thomas Imhof

Lesen Sie in OCTANE #51 die ganze Geschichte vom Isdera Commentadore 112i.

Noch mehr Geschichten über ungewöhnliche deutsche Klassiker finden Sie in diesen Ausgaben

Oder bestellen Sie sich OCTANE ganz bequem im Abo nach Hause

Vorherige Story
Nächste Story
0 Shares