Klassiker

»B« wie bestens bewahrt

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Der erste je gebaute Bentley R-Type Continental ist heute noch erstaunlich original – und sein Besitzer will es genauso lassen.

Wie durch ein Wunder hat dieser Bentley Continental die 69 Jahre, die er auf dem Buckel hat, in unglaublich gutem Originalzustand überlebt. Es ist das Auto, das Sie hier sehen: Chassisnummer 1, offiziell BC-1-A. Alles, was dieses erste von nur 208 gebauten Exemplaren je bekommen hat, war eine neue Lackierung und eine neue Innenverkleidung. Der Wagen wurde nie auseinandergenommen und hat lediglich 185.000 Kilometer auf dem Tacho.

Am 6. Juni 1952 wurde er als Neuwagen an den Pariser Bentley-Händler Franco-Britannique ausgeliefert. Vorausgegangen war ein Test über 630 Kilometer auf der Prüfstrecke von MIRA in Mittelengland, in dessen Verlauf die Härte der Heckfedern verändert wurde, um das Handling zu verbessern. Der ursprünglich in Moosgrün lackierte Wagen mit einer Innenausstattung im Farbton »Antelope«, einem mittleren Braun, hatte ein Radio und eine einfache Heizung, aber keine Kühlerfigur.

»Ich bin vernarrt in original erhaltene Autos«, sagt Besitzer Henry Pearman.

Wie aber kam die Continental-Serie überhaupt zustande? Um das herauszufinden, müssen wir die Uhr bis zum ersten Besitzerwechsel bei Bentley Motors zurückdrehen. Walter Owen Bentley hatte Ende 1930 – nach fünf Siegen bei den 24 Stunden von Le Mans – beschlossen, das werksseitige Motorsportengagement zu beenden. Der Börsencrash an der Wall Street 1929 und die darauf folgende Weltwirtschaftskrise hatten diese Entscheidung befördert, schlimmer war jedoch, dass der Geldfluss aus dem Diamantminenvermögen des »Bentley Boy« Woolf Barnato immer mehr versiegte. 1931 blieb der Bentley Motors Ltd. keine andere Wahl, als den Konkursverwalter zu bemühen.

Bentley hatte bereits mit Napier & Sons eine Übernahmevereinbarung getroffen, aber bei einem öffentlichen und leicht fragwürdigen Bieterver- fahren mit versiegelten Umschlägen erhielt der »British Central Equitable Trust« den Zuschlag für 125.000 Pfund. Der Trust war nur eine Fassade, dahinter steckte Rolls-Royce. Dort war man schon seit einiger Zeit besorgt darüber, dass die »schnellen Lastwagen« von Bentley – insbesondere der 6 1⁄2 Litre und der 8 Litre – immer eleganter wurden und sich anschickten, Rolls-Royce zu übertrumpfen. Der neue Eigentümer und ehemalige Rivale verkaufte die Produktionsanlagen von Bentley in Cricklewood und verlagerte die Bentley-Produktion 1933 komplett ins Rolls-Royce-Werk in Derby.

»Ich habe bereits einige Continental gefahren, ein perfektes Concours- Modell, ein leistungsoptimiertes Exemplar und mehrere andere originale Exemplare, aber der beste von allen ist der BC-1-A.«

Im Jahr 1951 unterbreitete Ivan Evernden, Chef des Chassisdesigns bei Bentley, dem Rolls-Royce-Vorstand seinen neuen Designvorschlag: »Corniche II, eine neue, bahnbrechende Sportlimousine.« Ziel war die Neupositionierung von Bentley als Hersteller der schnellsten viersitzigen Sportlimousine der Welt – einer Limousine, die in der Lage war, 193 Kilometer in der Stunde zurückzulegen. Die anfänglichen Entwürfe wurden von Evernden und Chefstylist John Blatchley überarbeitet, aber der konserva- tive Vorstand forderte einen aufrechter stehenden und für Bentley typischeren Kühlergrill samt Kühlerdeckelattrappe. Und vielleicht einem »fliegenden B« als Kühlerfigur …

»Zugegeben, die Lackierung ist nicht die beste und die Innenraumverkleidung etwas ausgeleiert, aber er ist nahezu original und ich habe keine Pläne für eine Restaurierung.«

Am 24. August 1951 war der Corniche II bereit zum Testen. Mit Dunlop- Rennreifen beschuht wurde der Prototyp zur Rennstrecke von Montlhéry gebracht, wo er eine Höchstgeschwindigkeit von 188,84 km/h bei 3700 U/min erreichte. Für die Hochgeschwindigkeitsläufe wurde der Reifendruck auf 3,45 bar erhöht und eine Reihe von Teilen entfernt: die Heckstoßstange, das Hecknummernschild, der Unterboden, der Rücksitz, das Ersatzrad, der Kühlventilator und das Werkzeug. Derart abgespeckt kam der Bentley auf einen Topspeed von 192,7 km/h. Endlich hatte Bentley sein fast 120 Meilen pro Stunde schnelles Auto. 1951 war das eine ordentliche Hausnummer.

Der Bentley-Prototyp erhielt das Kennzeichen OLG 490 und war schon bald als »Olga« bekannt. Er wurde sowohl als Testfahrzeug als auch als Presseauto und Vorführwagen des Werks benutzt und war von 1952 bis 1958 das offizielle Safety-Car in Le Mans. Bei Produktionsbeginn im Januar 1952 bekam er den offiziellen Namen Bentley Continental Sports Saloon. Die Bezeichnung R-Type erhielt er erst nach Produktionsende, als Unterscheidungsmerkmal zum späteren S1.

Die Original-Chassisnummern bestanden aus den Buchstaben BC für Bentley Continental, der fortlaufenden Nummer mit Ausnahme der 13 und einem Buchstaben für die Serie, von A bis E. Der Prototyp Olga, der ursprüng- lich die Fahrgestellnummer 9B-VI trug, erhielt 1960, als er an den Präsidenten des Bentley Drivers‘ Club, Stanley Sedgwick, verkauft wurde, die neue Chas- sisnummer BC-26-A.

Unser Auto, BC-1-A, ist heute in einer warmen Scheune tief im ländli- chen Sussex zu Hause. Der Serienerstling ist in einem sehr guten und nahezu originalen Zustand, weshalb er 2019 auch als »Best R-Type Bentley« ausgezeichnet wurde.

Text Robert Coucher // Fotos Drew Gibson // Bearbeitung Christel Flexney

Lesen Sie in OCTANE #52 die Historie vom ersten Bentley R-Type Continental.

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