#46, Alfa Romeo, Montreal, Marcello Gandini, V8-Motor
Klassiker

Alfa Romeo Montreal – Klassische Schönheit mit Rennwagen-Genen

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Der 1970 erschienene Alfa Romeo Montreal feiert in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag. Ein Traumwagen wie von einem anderen Stern, mit einem gezähmten V8-Rennmotor und aufregendem Styling.

Eines der Highlights, das Autofans auf der Weltausstellung 1967 in Montreal zu sehen bekamen, war eine Designstudie von Marcello Gandini auf dem Stand von Alfa Romeo. Gandini, der unter anderem auch für das Styling des Lamborghini Miura, des Countach, des Lancia Stratos, aber auch der ersten Generation der BMW 5er-Baureihe (E12) verantwortlich ist, gilt als einer der drei wichtigsten italienischen Designer der 70er-Jahre.

Mit den hinten hochgezogenen Türscheiben, den seitlichen Pseudo-Lüftungsschlitzen und den Lamellen über den Frontscheinwerfern wirkte das Alfa-Konzept wie ein ultramodernes Mittelmotorcoupé und begeisterte Presse wie Publikum gleichermaßen. Dabei war der Prototyp trotz der vorgeblichen Kühlschlitze von Beginn an für einen Frontmotor mit Heckantrieb konzipiert. Der optische Eindruck war so überzeugend, dass sogar renommierte Autofachzeitschriften in damaligen Tests die Falschmeldung verbreiteten, die Studie sei als Mittelmotorcoupé konzipiert gewesen.

#46, Alfa Romeo, Montreal, Marcello Gandini, V8-Motor

Der Montreal sollte den Platzhirschen wie Porsche 911, E-Type und Pagode Konkurrenz machen und erhielt daher als Antrieb eine für den Straßenbetrieb gezähmte Variante des siegreichen Rennmotors aus dem Alfa Romeo Tipo 33. Der V8 des Tipo 33 hatte, wie schon die berühmten Alfa- Vierzylinder, zwei Nockenwellen je Zylinderbank und holte im Renntrimm aus zwei Litern Hubraum satte 270 PS bei 9600 U/Min. Für den Montreal wurde dieses Kraftpaket auf 2,6 Liter Hubraum vergrößert und die Leistung auf 200 PS bei 6.500 U/Min gedrosselt. Die Kraftstoffversorgung übernahm wie schon im Rennmotor eine mechanische Spica Saugrohreinspritzung, geschaltet wurde mit einem eigens für dieses Modell entwickelten Fünfganggetriebe von ZF.

#46, Alfa Romeo, Montreal, Marcello Gandini, V8-Motor

Die Mischung aus atemberaubendem Styling, gezähm- tem Rennmotor und konventionellem Fahrwerk wurde in Deutschland für etwa 35.000 DM angeboten und war damit im Premierenjahr 1970 teurer als ein Porsche 911, eine Pagode oder ein Jaguar E-Type. Damit hatte der feurige Italiener trotz seiner technischen und optischen Qualitäten bei den Käufern einen schweren Stand.

Auch der recht durstige V8, der bei sportlicher Fahrweise leicht über 20 Liter des teuren und hochoktanigen Kraftstoffs auf 100 Kilometer verbrannte, war kein gutes Verkaufsargument in Zeiten der ersten Ölkrise. Der knapp 1,3 Tonnen schwere Montreal konnte aufgrund seines konventionellen Fahrwerks auch keine Lorbeeren im Vergleich mit Konkur- renten wie etwa dem Porsche 911 einfahren. Der Montreal brilliert dafür als komfortabler Gran Turismo, der auch auf längeren Strecken unbändigen Fahrspaß bereitet.

Wenn man hinter dem klassischen Holzlenkrad sitzt und dem Triebwerk die Sporen gibt, überrascht der Motor mit erstaunlichem Drehmoment schon bei vergleichsweise nied- rigen Drehzahlen und seidenweichem Lauf. Tritt man das rechte Pedal dann entschlossen durch, wird aus dem schnur- renden Kätzchen ein fauchendes Raubtier: Blitzschnell dreht der sehr kurzhubige V8 hoch und begeistert mit explosiver Leistungsentfaltung und einem Sound, der direkt von der Rennstrecke kommen könnte. Wird das ZF-Getriebe mit dem kurzen, gut platzierten Schalthebel fachgerecht genutzt, sprintet der Schönling in nur 7,6 Sekunden von null auf hun- dert und erreicht eine Topgeschwindigkeit von über 220 Kilometern pro Stunde – das konnten auch Porsche und Jaguar nicht besser.

Von 1970 bis 1977 verließen lediglich 3925 Exemplare die Werkshallen, andere Quellen sprechen gar von nur 3917 Stück – zu wenig, um wirtschaftlich sinnvoll zu sein. Trotz vergleichsweise guter Rostvorsorge haben nicht allzu viele dieser Exoten überlebt, was sie als Klassiker besonders reiz- voll macht. Noch sind gute Montreal günstiger als ein Porsche 911 oder eine Mercedes Pagode in vergleichbarem Zustand, doch diese Zeiten sind vorbei: in den letzten fünf Jahren haben sich die Preise für den Schönling aus Milano im Zustand 1 bis 2 verdoppelt und kratzen mittlerweile an der 100.000-Euro-Marke.

Text: Jörn-m. Müller-Neuhaus
Fotos:
RM Auctions

Lesen Sie in der OCTANE #46, warum bis heute viele glauben, der Montreal sei als Mittelmotorwagen konzipiert worden.

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