Octane, Mercedes-Benz, 540K Spezial-Roadster, Edition #02
Allgemein

Mercedes 540K Spezial-Roadster mit aufregender Geschichte

Vorherige Story
Nächste Story

Text David Burgess-Wise // Fotos Mathieu Heurtault 

WOHLHABEND WIE WENIGE, MEHRMALS AUF DER FLUCHT, IN DER NEUEN WELT EIN NEUANFANG, TRAGIK UND TOD, AUCH DANACH NOCH GERANGEL. DIE GESCHICHTE DER PREUSSISCHEN FREIFRAU IST SO AUFREGEND WIE IHR MERCEDES-BENZ 540K SPEZIAL-ROADSTER

Eins der Dinge, die David Gooding nicht vergessen wird, ist ein Telefongespräch von 1992. Er war für das Auktionshaus Christie’s tätig, als ihn an einem verschlafenen Freitagnachmittag jemand anrief. »Ein Anwalt aus Connecticut. In einer Erbsache. Es ginge um einen Mercedes. Der sei Teil des Nachlasses. Und? Was noch? Schwarz, furchtbar verdreckt und alt. Ich nahm an, es handle sich um eine Limousine aus den Siebzigern, bis der Anwalt meinte: ‚Vorne sind an der Seite so Auspuffrohre, und hinten ist er sehr lang, hinter dem Kofferraumdeckel ist da noch ein Ersatzreifen montiert.’ Ich bat ihn, mir ein Foto zu faxen – damals hochmodern –, und erkannte kurz darauf, dass es um einen Mercedes-Benz 540K Spezial-Roadster ging. Ich antwortete, übermorgen hätte ich in der Gegend eh einen Termin, da könnte ich mir das ja mal anschauen.« Das Auto war in einem besseren Zustand als der 500K der Familie Butcher, der für einen Rekordpreis verkauft worden war – und es war ein 540K mit einer noch imposanteren Geschichte.

Octane, Mercedes-Benz, 540K Spezial-Roadster, Edition #02
Luxus à la 1936: Stattliche 28.000 Reichsmark kostete damals der Mercedes-Benz 540K Spezial-Roadster.

Nach einer langen und verworrenen Auseinandersetzung bekam Gooding, der sich mittlerweile als Gooding & Co. selbstständig gemacht hatte, das Auto im Jahr 2012 endlich unter den Hammer. Im Reigen der Mercedes-Schöpfungen mit aufgeladenem Motor rangiert keiner so hoch wie der Spezial-Roadster, der als »die Krönung des Automarkts der dreißiger Jahre« beschrieben wird. Von den 435 Mercedes-Benz 540K, die in Sindelfingen entstanden sind, waren nur 29 Roadsters, und selbst darunter nicht alle mit dem Etikett »Spezial« versehen.

DIE PREUSSISCHE FREIFRAU BENÖTIGTE EINEN STANDESGEMÄSSEN FAHRBAREN UNTERSATZ FÜR IHREN JUNIOR

Der Standard-Roadster kostete seinerzeit 22.000 Reichsmark, der Spezial 28.000. Der Unterschied lag laut Design-Chef Hermann Ahrens darin, dass der Kunde eines Spezial mehr oder weniger den kompletten Aufbau selbst bestimmen konnte; anscheinend bis hin zum Radio. Es begann im April 1936, als die preußische Aristokratin Freifrau Ines Josephine Classen Wilfert von Krieger in die Mercedes-Vertretung von Rudi Caracciola auf dem Kurfürstendamm rauschte, um für ihren 19-jährigen Sohn Henning ein standesgemäßes Fahrzeug zu ordern. Die Baronin residierte mit Sohn und Tochter in Paris. Bestätigt wurde der Verkauf mit einem Schreiben aus der Daimler-Benz-Firmenzentrale an die »verehrte gnädige Dame«.

Octane, Mercedes-Benz, 540K Spezial-Roadster, Edition #02
Der 5,4 Liter große Reihenachtzylinder leistet 115 PS – mit dem zuschaltbaren Roots-Kompressor 180 PS – bei 3400 U/min. Leer wiegt der 540K übrigens stattliche 2,6 Tonnen. Bei 170 km/h ist Schluss.

Zur selben Zeit kaufte sich die Tochter der Baronin, die 23-jährige Baronesse Gisela Josephine, in Brüssel ein 540K-Coupé. Gisela war eine zu jedem Anlass gern gesehene Dame, deren Look mit Marlene Dietrich oder Greta Garbo verglichen wurde. Ihre zahlreichen Verehrer überschütteten sie mit Juwelen.

1939 erhielten die Baronin und ihre Tochter die Genehmigung, sich im neutralen Fürstentum Monaco niederzulassen. Die Damen fanden im Hotel de Paris von Monte Carlo ein Dach über dem Kopf, während es Bruder Henning heim ins Reich zog, wo er sich der Luftwaffe anschloss. 1941 wurden die Damen im Exil von den deutschen Behörden aufgefordert, ins Vaterland zurückzukehren. Doch sie flüchteten in die Schweiz – mit Giselas 540er Coupé – und ließen sich im Hotel Baur au Lac in Zürich nieder.

GISELA ÜBERNAHM DEN EDEL-ROADSTER, DOCH HENNING BLIEB WEITERHIN ALS BESITZER EINGETRAGEN

Dort verkauften sie den Mercedes. Ihr Bruder Henning hatte unterdessen einen Unfall mit dem Spezial-Roadster gebaut und ihn zurück an den Hersteller geschickt, wo die rechte Seite neu aufgebaut wurde. Er kaufte sich ein 328er BMW-Cabrio und wies Mercedes-Benz an, den reparierten Wagen in der Schweiz unterstellen zu lassen.

Die Familie emigrierte 1949 für einen Neuanfang in die USA. An Bord der Queen Mary, im Gepäck den 540K, erreichten sie New York am 23. März. Der Spezial-Roadster wurde in der alteingesessenen Werkstatt Zumbach auf der West Side von Manhattan durchgecheckt, jenem »wundervollen Autohaus für ausländische Edelkarossen der Vorkriegszeit«, wie irgendwann ein Chronist für die Nachwelt festhielt. Nominell war Henning der Besitzer des 540K, doch er wurde von Gisela übernommen.

Ihr Bruder bevorzugte einen 1951er Lincoln. Als bei ihm 1958 Hautkrebs auftrat, zogen die beiden zur Behandlung erneut in die Schweiz und ließen den Spezial-Roadster diesmal einlagern. Im Lagerhaus der Firma Homestead Inn in Greenwich. Henning starb Anfang 1959.

Gisela blieb in der Schweiz, erneuerte aber weiterhin die Versicherung des Spezial-Roadster Jahr für Jahr. Gisela von Krieger beglich auch weiterhin die monatlichen Lagerkosten für den Mercedes. 1989, als die Preise für klassische Automobile in den Himmel stiegen, unternahm der Sohn des Verwalters von Homestead Inn einen Versuch, ihr den Mercedes abzukaufen.

MIT 11,77 MILLIONEN DOLLAR WAR DER 540K IM JAHRE 2004 DER TEUERSTE VORKRIEGSWAGEN BEI EINER AUKTION

Er reiste nach La Tour-de-Peilz, aber seine Anrufe in Giselas Wohnung wurden nicht erwidert. Letztlich überzeugte er den Vermieter, die Tür aufbrechen zu lassen. Sie fanden die in einem Regieklappstuhl zusammengesunkene Leiche der Baronin inmitten einer Szenerie völliger Verwahrlosung. Sie war etwa einen Monat zuvor gestorben. Das Hin und Her bezüglich der Eigentumsverhältnisse des Mercedes zog sich bis 1994 durch die Gerichte, bis der Nachlassverwalter endgültig den Zuschlag erhielt. Der Wagen landete bei einem deutschen Sammler, der sich jedoch mit seinem Restaurateur verkrachte.

Schon zwei Jahre später war der 540K Spezial-Roadster wieder zu haben. Er ging er an einen prominenten amerikanischen Sammler. In der langen Lagerzeit des Spezial-Roadster hatte sich der konservierte Zustand verschlechtert. Chris Carlton von Classic Car Services im US-Bundesstaat Maine gelang es während der Totalrestaurierung, praktisch das komplette Blechkleid zu retten. Nach der Restaurierung gewann der Spezial-Roadster seine Klasse beim Pebble Beach Concours d’Elegance 2004. Der Mercedes erzielte einen Erlös von 11,77 Millionen Dollar. Damit war er in dem Jahr einer der teuersten Mercedes überhaupt und der teuerste Vorkriegswagen bei einer Auktion.


OCTANE Edition #02 Faszination Mercedes-Benz

 

Diese Story finden Sie in der OCTANE Edition #02

HEFT BESTELLENABO BESTELLEN

 

 


Vorherige Story
Nächste Story
0 Shares

Kommentar verfassen